12. Juli 2016
Der digitale Rohstoff
Namensbeitrag von Kurt J. Lauk im Handelsblatt

Die Wirtschaft wird zunehmend datengetrieben, und das Datenvolumen nimmt unablässig zu: Nach vorsichtigen Schätzungen werden bis zum Jahr 2020 rund 6,5 Milliarden Menschen und 20 Milliarden Objekte miteinander vernetzt sein. Schritt für Schritt wird Virtual Reality damit Wirklichkeit. Bis dahin wird sich das Datenvolumen nahezu verfünffacht haben.


Damit werden Daten zum Öl des 21. Jahrhunderts – für die digitale Wirtschaft sind sie der entscheidende Rohstoff. Bereits heute zählen Datenunternehmen wie Google und Facebook zu den bedeutsamsten und auch wertvollsten Unternehmen der Welt. So zielt das Geschäftsmodell von Facebook darauf ab, durch perfekte Datenverwertung seiner Nutzer zielgenau Werbung zu verkaufen.


Mit weltweit 1,6 Milliarden Nutzern ist dies enorm profitabel. Bis 2030 plant das Unternehmen nach eigenen Angaben, fünf Milliarden Menschen zu erreichen und 60 Prozent der Weltbevölkerung auf seine Plattform zu ziehen. Damit sind dem Datenwachstum schier keine Grenzen gesetzt.


Auch deutsche Unternehmen wissen solche Datenmengen gezielt zu nutzen. So optimiert etwa der Versandhändler Otto mit Hilfe von 300 Millionen Datensätzen pro Woche seine laufenden Absatzprognosen für seine Artikel. Das führt zu massiven Einsparungen durch weniger Warenorders.


Mit der Hilfe von Algorithmen lassen sich heutzutage aus vorhandenen Datensätzen Erkenntnisse erlangen, die bislang nicht oder nur mit einem deutlichen Mehraufwand möglich waren. Durch die Vernetzung mit anderen Daten aus dem Gesundheits-, Umwelt- oder Sozialsektor lassen sich gänzlich neue Einsichten und Geschäftsmodelle entwickeln. Freude, Furcht oder andere Stimmungsdaten können durch die Analyse von Nachrichten in sozialen Medien wie Twitter eingefangen werden. Teilweise werden sogar Antworten auf Fragen gefunden, die überhaupt noch nicht gestellt wurden.


Diese Beispiele lassen nur erahnen, welches Potenzial in Big Data steckt. Fest steht: In der Zeit vor Big Data waren Datenmengen klein, und die Auswertung war teuer. Heute sind Datenmengen groß, und die Auswertung ist günstig. Für das Gedeihen von Big Data ist jedoch ein Datenschutzrecht vonnöten, das diesen Datenreichtum zulässt. Daten müssen, einem Gewässer ähnlich, fließen können, sonst stauen sie sich zu Brackwasser und verlieren ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert.


Die Nutzbarkeit von Daten unterliegt dem engen Korsett des deutschen Datenschutzrechts. Mit der Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union, die ab dem Jahr 2018 in Kraft treten wird, gilt dann ein einheitliches Datenschutzrecht für ganz Europa. In der Tat beinhaltet diese einige Verbesserungen wie eine europaweite Harmonisierung des Datenschutzrechts und die Einführung des Marktortprinzips. An den digitalen Herausforderungen scheitert sie jedoch deutlich.


Die Weiterverarbeitung von persönlichen Daten für ökonomische Prozesse ist zwar durch die Zustimmung des Betroffenen erlaubt, Big-Data-Geschäftsmodelle basieren jedoch darauf, Daten immer wieder neu zu verknüpfen. Diese Verarbeitung fortgesetzt an eine Einwilligung zu binden erschwert Big-Data-Anwendungen übermäßig.


Im Angesicht der Datenexplosion im Zeitalter des Internets müssen wir jetzt auch erkennen, dass das Prinzip, so wenig Daten wie möglich zu erheben, der globalen Entwicklung von Big Data widerspricht. Durch einen zu engen Regulierungsrahmen für Big Data verliert Europa das nächste Rennen um die Spitzenposition in der Digitalisierung. Überhaupt: Sind wirklich alle personenbezogenen Daten gleichermaßen schutzwürdig?


Von elementarer Relevanz für die digitale Wirtschaft ist die Möglichkeit, personenbezogene Daten weiterverarbeiten zu können. Allerdings findet das Werkzeug der Pseudonymisierung in der Datenschutzgrundverordnung kaum Erwähnung. In der medizinischen Forschung ist dies jedoch gängige Praxis. So können neben Tumordaten zusätzliche Informationen zu einem Patientenpseudonym ergänzt werden, um die Krankenhistorie zu rekonstruieren.


Bestehende Bedenken gegen den sorglosen Umgang mit persönlichen Daten müssen ernst genommen werden. Doch im Fokus sollte der Konsens zwischen der Nutzbarkeit von Daten und ihrem Schutz stehen, denn sie sind die Währung der digitalen Wirtschaft.


Datenschutzrecht muss berücksichtigen, dass es auch um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas geht. Deshalb sollte umgehend die Datenschutzgrundverordnung massiv nachgebessert oder novelliert werden. Nur wenn die Weichen jetzt richtig gestellt werden, können wir die nächsten Züge Richtung virtueller Realität und künstlicher Intelligenz besteigen.

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