24. November 2015
4. Süddeutscher Wirtschaftstag: "Fortschritt fördern, weg von der Verhinderungsmentalität"
Die digitale Agenda liegt in Politikerhänden
(Foto:WR)
Impressionen Süddeutscher Wirtschaftstag 2015
Der neue Landesvorstand: Reinhard Schlegel, Sven Schulz, Konrad Walter, Jürgen Heizmann, Joachim Rudolf, Ulrich Zeitel, Markus Binder, Norman Mürdter, Julia Alice Selzer-Bleich und Daniel Imhäuser (v.li.) (Foto:Wolfgang List)
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Schnell, effizient, sicher – das sind die Ansprüche an die Breitbandnetze in Baden-Württemberg. Die Realität: kaum Empfang dort wo man ihn gerne hätte. Beispielsweise in der neuen Sparkassenakademie, die neben dem wohl größten Gebäudekomplex für Einkaufsvergnügen im Südwesten Stuttgarts steht, hat man im größten Konferenzsaal schlechte Verbindung. Der Tagungsort kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden, denn die Lage ist stadtzentral und die Systeme modern. Netzverfügbarkeit und Netzqualität macht eben einen Unterschied – genau dafür wollen sich die Anwesenden Mitglieder und Freunde des Wirtschaftsrats einsetzen:  einen Breitbandausbau, der auch Baden-Württemberg angemessen in eine smarte, digitalisierte Zukunft bringt. Denn eins wurde sehr deutlich auf dem 4. Süddeutschen Wirtschaftstag in Stuttgart: selbst vom Minimalziel der Bundesregierung, 50 Mbit/s in die ansässigen Unternehmen und Haushalte zu bringen, ist man in Baden-Württemberg vielerorts noch weit entfernt. Die Unternehmer des Wirtschaftsrats zeigten sich beim Wirtschaftstag entschlossen dem Umbruch entgegen zu gehen – und geschlossen gegenüber der aktuellen Politik, von der dringende Maßnahmen verlangt werden.

 

Wenn die wichtigsten Vertreter der Wirtschaft aus Süddeutschland in Stuttgart zusammen kommen, darf Reinhard Clemens, Vorstand der Telekom AG, nicht fehlen. Wenngleich der Unternehmenssitz nicht in der Region liegt, kenne Clemens das Gebiet aus seiner Zeit in Fellbach doch noch sehr gut, wie der neu gewählte Landesvorsitzende des Wirtschaftsrats Joachim Rudolf betonte. Das bestätigte Clemens direkt: „Hier in Baden-Württemberg, hier im Ländle, ist man fleißig“, betonte der Vorstand der Deutschen Telekom AG zu Beginn seiner Keynote. Die Gegend zeichne sich durch eine Vielzahl an großen und erfolgreichen mittelständischen Unternehmen aus – bloß tue man recht wenig um sie zu unterstützen. Denn Netz bzw. Netzausbau werde immer mehr zum gewichtigen Standortfaktor – den das Bundesland bald verlieren könnte. Während die Nachbarn aus Bayern bis zu 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau von Breitbanddatenwegen investieren, stellt die hiesige Landesregierung nicht einmal 40 Millionen jährlich zur Verfügung. Dabei müsse das Ziel eigentlich klar sein: „Baden-Württemberg muss gerade seine kleinen Zentren an die Glasfaser kriegen“, so Clemens, denn das Grundgerüst dafür – Glasfasern in den Böden – sei ja da. „Aber es muss auch jedes Unternehmen an diese Glasfaser ran, wenn man hier wettbewerbsfähig bleiben will. Ganz ehrlich: rufen Sie zur Not mich an und sagen Sie, was Sie brauchen!“ ruft Reinhold Clemens sichtlich motiviert – Begeisterung bei den rund vierhundert geladenen Gästen im Saal der Sparkassenakademie.

 

Nahtlos an die Forderungen Clemens schloss sich auch Johannes Pichler von der Globalways AG an. Der eher kleinere Anbieter für IT-Infrastruktur fand deutliche Worte: „50 Mbit/s für Unternehmen? Da brauchen wir ein neues Breitbandausbauziel, die Unternehmen hier brauchen bessere Rahmenbedingungen als das“ – keine „Verhinderungsmentalität“, wie sie derzeit in Baden-Württemberg herrsche. Bloß, „alle wollens, keiner macht was“, so Pichler, bringe kein Land voran. Schließlich werde der Datenspeicherbedarf bis 2020 um 100% wachsen.

 

Einer, der dagegen das Land in seiner Amtszeit als Ministerpräsident voran brachte sei Günther Oettinger, betonte Dr. Ulrich Zeitel, der als Moderator und neuer Ehrenvorsitzender des Landesverbands durch den Süddeutschen Wirtschaftstag führte. Günther Oettinger richtete in selbstironischer Weise unverblümte Worte ans Publikum – und legte den Finger gleichzeitig in die Wunde: „Während Sie noch die Antwort Ihrer Suchanfrage bei Google lesen, weiß Google schon längst mehr als Sie jemals aus Ihrer Antwort herauslesen können“, begann der EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Vor allem müsse man sich jetzt bewusst machen, dass die Nutzung von Daten die Währung der Zukunft sei, denn wer die Daten hat, hat die Macht über seine Nutzer. Günther Oettinger unterhielt sein Publikum nicht nur durch sehr persönliche Beispiele der Digitalisierung, sondern auch damit, dass er auf scherzhafte Art und Weise einprägsam zeigte: „Die digitale Infrastruktur wird wichtiger als der Bau von neuen Autobahnen und wir müssen uns entscheiden, ob es eine Transformation oder Disruption für uns bedeutet. In jedem Fall müssen europäische Standards geschaffen werden – beispielsweise bei der Frage, wem die Daten eigentlich gehören, die  ihr Auto irgendwann mal mit anderen Autos auf der Straße austauscht“, so Günther Oettinger.

 

Doch wie sieht der Bedarf in den Unternehmen der Region tatsächlich aus? Im Branchenpanel und Experten-Dialog diskutierten  Stellvertreter verschiedenster Unternehmen. Klar wurde, dass wenn Baden-Württemberg Teil der digitalen Fahrt bleiben wolle, gerade auch nach seinen Unternehmen fernab der Ballungsgebiete schauen müsste – auf die Schwäbische Alb, in den Schwarzwald, etc. Diese „hidden Champions“, wie Norbert Franchi, Vorstand der SolidLine AG, sie nannte, stehen vor gleichen Herausforderungen und bedürfen der Förderung. Zwischen Unternehmergrößen wie Dr. Wolf Osthaus, Unitymedia, Prof. Georg Fundel, Geschäftsführer des Stuttgarter Flughafens, Dr. Joachim Herrmann vom Sparkassenverband Baden-Württemberg, Dr. Werner Götz, Geschäftsführer der TransnetBW, Norbert Heckmann von Adolf Würth und Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes, Vorsitzender der Stiftungen Familienunternehmen fand sich schnell ein gemeinsamer Nenner – die Politik stehe in der Verantwortung. In der jetzigen Legislaturperiode sei versäumt worden, richtig auf die digitale Agenda zu reagieren. Subventionen, Einrichtung flexibler Arbeitszeiten – Stichwort Homeoffice – und frühe Nachwuchsförderung in IT-Bereichen sind gefragter denn je.

 

200 Mbit/s oder 50 Mbit/s, dem einfachen Bürger sagt das oftmals nichts. Doch für ein Unternehmen wird es in Zukunft den entscheidenden Unterschied machen – gerade hinsichtlich des Datenaustauschs. Möglicherweise könnten hier die oft mysteriöse Cloud Abhilfe schaffen, doch deren ominöser Charakter muss zunächst aufpoliert werden, denn eigentlich ist sie längst in jedem Leben angekommen. Allein das Benutzen eines Dienstes wie Dropbox ist nichts anderes als „Clouding“. Für Unternehmen aus der Handwerksbranche, aber genauso für Banken zeigten sich die Unternehmer vor allem in einem Punkt einig: der Servicegedanke ist das Herzstück der Digitalisierung. Industrie 4.0 bedeutet nämlich eine Neuordnung der Nutzerkommunikation. Um es banal zu sagen: Wer heutzutage eine Schraube benötigt, möchte diese gerne per App anfordern können und innerhalb kurzer Zeit geliefert bekommen. Falls der Kunde nicht weiß, welche Schraube er benötigt, möchte er mit dem Handy ein Foto an seinen Dienstleister schicken und direkte Antwort bekommen.

 

Das ergibt Herausforderungen – aber noch mehr Chancen. „Baden-Württemberg kann dafür Ideenschmiede Europas sein“, so Guido Wolf, der Spitzenkandidat für die Landtagswahl im Frühling 2016 und CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag. Seine Vision: „Zunächst müssen wir unnötigen Ballast abwerfen. Weniger Bürokratie, weniger Regulierung, die Unternehmen daran hindert fortzuschreiten und mit technologischen Entwicklungen Schritt zu halten“. Baden-Württemberg müsse seine Exzellenz behalten – und dies beim Ausbau des Breitbands beweisen.

 

In der Konsequenz wurde am vierten Süddeutschen Wirtschaftstag klar: die Daten-Infrastruktur im Land ist in keinem zukunftssicheren Zustand – sie kann es aber werden und der Unternehmergeist ist da. Was fehlt, ist die Rückenstärkung der Politik hinsichtlich der rasant voran schreitenden Entwicklungen in den Bereichen der Industrie 4.0 und entsprechenden Sicherheitssystemen dafür. Nur gezielte Konzepte und Finanzierungsmaßnahmen garantieren keinen Kurzschluss in der Entwicklung. Kurzum: Ein digitaler Ruck muss durch Baden-Württemberg, Deutschland und Europa gehen.