17. Oktober 2017
3. Deutsch-Chinesischer Wirtschaftsdialog
中德经济对话
Impressionen
Dr. Jürgen Geisinger, Vorsitzender der Bundesfachkommission Internationaler Kreis des Wirtschaftsrates im Gespräch mit Weiding Wand, dem Gesandten des Botschaftsrates, Wirtschafts- und Handelsabteilung der Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland, auf dem 3. Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsdialog Foto: Hans Christian Plambeck
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Zum dritten Mal lud der Wirtschaftsrat gemeinsam mit der Chinesischen Handelskammer in Deutschland CEO und Geschäftsführer aus beiden Ländern zum Deutsch-Chinesischen Wirtschaftsdialog in die Chinesischen Botschaft in Berlin ein. Zentrales Thema waren die „Herausforderungen und Potenziale für gemeinsame Innovationen und Investitionen“ -  insbesondere in der Automobil- und Automatisierungsindustrie.

 

In seinem Grußwort betonte WANG Weidong, Gesandter Botschaftsrat und Leiter der Wirtschafts- und Handelsabteilung der chinesischen Botschaft, die großen Chancen eines Engagements in China für deutsche Automobilhersteller. Im Bereich Fahrzeugbau gibt es zwar die Anforderung ein Joint-Venture mit einem chinesischen Partner einzugehen, diese Kooperationen seien jedoch von großem Vorteil für deutsche Unternehmen, da sie einen vereinfachten Marktzugang und bessere Entwicklungsmöglichkeiten erhalten. Darüber hinaus gibt es für ausländische Unternehmen auch die Option reine Tochtergesellschaften zu gründen, die 2015 auch von über 20 000 Unternehmen genutzt wurde. Dies entspricht einem Anteil von 80 Prozent, der Joint Venture Anteil beträgt hingegen nur 1/5 der Neugründungen. Er rief die Unternehmen dazu auf, diese Gelegenheit zu ergreifen und gemeinsam Kooperationen zu vertiefen sowie Transformation, Upgrade und Entwicklung der chinesischen und weltweiten Automobilindustrie gemeinschaftlich voranzutreiben. Vor allem auf den Gebieten new energy vehicles (NEV) und autonomes Fahren müsse man die „Zeichen der Zeit“ erkennen und den Austausch stärken.

 

Gleich ob vom Stand der industriellen Entwicklung, dem Marktumfang oder der Nachfragekonstellation her - die Volkswirtschaften Deutschlands und Chinas sind in höchstem Maß komplementär und zunehmend enger verbunden. Der Spielraum für Zusammenarbeit ist immens, sagte Dr. Jürgen Geißinger, Vorsitzender der Bundesfachkommission Internationaler Kreis des Wirtschaftsrates. China ist mit einem Handelsvolumen von knapp 170 Milliarden Euro der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Mittlerweile beobachten wir jedoch ein stärker werdendes Ungleichgewicht, so Geißinger. Während die Investitionen chinesischer Konzerne in Europa 2016 um 77 Prozent auf über 40 Milliarden Dollar stiegen, fielen Europas Investitionen in China auf acht Milliarden Dollar. Es war ein Einbruch um 23 Prozent. Im ersten Halbjahr 2017 gingen sie nochmals um fast ein Viertel auf 3,7 Milliarden Dollar zurück. Dies hat mehrere Ursachen: Etwa das sinkende Wachstum in China, rückläufige Gewinnmargen und weiterhin hohe Hürden für ausländische Investoren. Dr. Geißinger betonte, dass es gerade angesichts protektionistischer Tendenzen in den USA umso wichtiger sei, ein europäisch-chinesisches Investitionsschutzabkommen jetzt zügig auf den Weg zu bringen.

 

Chinesische Unternehmen möchten auch weiterhin stark in Deutschland investieren, erklärte CAI Zhengxin, Vize-Präsident der Chinesischen Handelskammer in Deutschland e. V. und Geschäftsführer der Preh GmbH. Mit 2081 Investitionsprojekten sei China die größte Investorengruppe in Deutschland. Trotzdem liege der Anteil der Direktinvestitionen nur bei rund ein Prozent. Chinesische Investitionen bergen viele Vorteile, sagte Cai. Die Partnerschaften versprechen Technologiesprünge, sichern Arbeitsplätze und gewähren Zugang zum chinesischen Markt, der größten Volkswirtschaft (nach Kaufkraft) weltweit. Deshalb bedauerte er, dass Politik und Gesellschaft chinesische Investitionen in Deutschland zunehmend negativ beurteilen und fürchtet negative Auswirkungen auch durch neue Genehmigungsverfahren der Europäischen Union.

 

Ein hochkarätig besetztes Podium aus deutschen und chinesischen Unternehmern diskutierte unter der Moderation von Dr. Sabine Stricker-Kellerer R.A., Vorsitzende des Außenwirtschaftsbeirats des Bundeswirtschaftsministers und Schiedsrichterin der China International Economic and Trade Arbitration Commission (CIETAC), das Thema „Herausforderungen und Potenziale für gemeinsame Innovationen und Investitionen.“

 

Auf die Frage nach den Entstehungsgründen und Treibern für Innovationen erklärte Thomas Spangler, Geschäftsführer der Brose Gruppe, dass sie als Automobilzulieferer zwar in der Wertschöpfungskette nicht ganz am Anfang stehen, als Entwicklungspartner von ihren Kunden jedoch deutlich ernster genommen werden als vor 20 Jahren. Sie werden nun stark gefordert, selbst Kundenwünsche sowie Marktbedürfnisse zu erkennen und aktiv mit neuen Vorschlägen auf die Kunden zu zugehen. Die bloße Invention reiche nicht aus, die Marktdurchdringung sei vielmehr der entscheidende Faktor für den Erfolg von Innovation. Dazu müssen verschiedene Plattformen bespielt werden: die Hochschulen, externe Netzwerke und wir brauchen hausinterne Freiräume im Unternehmen, die man bei Mittelständlern nicht vermuten würde, sagte Spangler. Marktbedürfnisse in Deutschland und in China sind grundsätzlich verschieden. Um langfristig erfolgreich zu sein, gilt es diese Marktbedürfnisse genau zu verstehen. Für Spangler ist vor allem die Wahlfreiheit von entscheidender Bedeutung: Die Wahl entweder eine 100-prozentige Tochtergesellschaft oder ein Joint Venture gründen zu können.

 

Innovationen weltweit werden getrieben vom Profitziel. Und da macht es keinen Unterschied, ob es sich um ein staatliches oder privates Unternehmen handelt, zeigte sich XU Hui, Board Secretary, Vice President, CHERY Holding Co., ltd überzeugt. Innovationen entstünden durch Kundenwünsche und durch Marktbedürfnisse. Einerseits muss die Technologie die globalen Herausforderungen erfüllen, andererseits muss sie auf dem jeweiligen Markt umgesetzt werden. Hierfür sind Marktkenntnisse unerlässlich. CHERY Holding hat in den letzten Jahren diesbezüglich sehr viel dazugelernt. Wir suchen neue Partner in Deutschland und sind bereit Marktanteile zu übertragen, um technologisch voranzukommen. Partner, die die deutsche und die EU-Regulierung sehr gut kennen.

 

Daimler Benz ist ursprünglich als Startup in einer Garage in Bad Cannstadt gegründet worden, sagte Eckart von Klaeden, Vice President der Daimler AG. Innovationen entstehen aus Erfindergeist gepaart mit unternehmerischem Interesse und einem starken Wettbewerb. In China würde man aufgrund der staatlichen Planung eher einen Top-down-Ansatz vermuten – in Deutschland hingegen den Bottom-up-Ansatz. Aber China wäre nicht da, wo es heute ist, wenn Erfindungsgeist und Wettbewerb ausgeschaltet wären. Und auch in Deutschland bedarf es einen zweiten Blick: Hier gibt es durchaus auch ein hohes Maß an staatlicher Planung. Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Ansätze ist es jedoch umso interessanter, wenn man auf beiden Seiten schließlich häufig zu einem ähnlichen Ergebnis oder Lösungen kommt.

Die Unternehmenskultur ist ein entscheidendes Stichwort. Die Sensitivität für neue Trends muss erhalten bleiben. In unserem Unternehmen hat jeder die Möglichkeit sich einzubringen. Und für die Digitalisierung gilt: die Jungen müssen sich entfalten können. Daimler ist mit den Pkw-Joint-Ventures in China sehr zufrieden. Der Joint-Venture-Partner erklärt den Markt. Automobilhersteller können ohne China nicht global erfolgreich sein. Wir sehen den Investitionsschutz mit großer Sorge: dadurch wird geistiges Eigentum beschränkt und das ist negativ. Es muss die Freiheit gegeben sein, sein geistiges Eigentum auch verkaufen zu dürfen. Staatliche Regulierung darf nicht zu Protektionismus führen, sondern wir müssen vielmehr die Rahmenbedingungen für wechselseitige gute Investitionen schaffen.

 

Der größte Innovationstreiber sind `pushige´ Kunden, sagte Dr. Till Reuter, Vorsitzender des Vorstands der KUKA AG. Zugleich bräuchten Unternehmen eine Innovationskultur. Kuka habe durch das starke Wachstum mit der Automobilindustrie allein 1000 Entwickler für die Forschung und zudem Start-ups zugekauft. Innovationen könnten auf ganz verschiedenen Ebenen stattfinden: In Universitäten, in der angewandten Forschung, in der Grundlagenlagenforschung oder in Start-ups. Das Internet der Dinge kann nur gelingen, wenn die digitale Welt und Industrieerfahrung sich paaren. China ist der größte Robotermarkt. Kuka möchte Marktführer weltweit werden und muss daher in China vertreten sein. Der chinesische Markt allein ist die Disruption für die Kostenseite und in Bezug auf die Kundenzahl. In Asien ist vieles leichter, was Roboter angeht: In Deutschland beispielweise fehlt oft der regulative Ansatz. So lässt sich etwa keine Versicherung für Roboter im Bereich elderly care kaufen.

 

Als jüngstes Unternehmen unter den Panelisten erklärte ZHANG Hui, Managing Director von NIO GmbH, dass in China die stärksten Innovationen aus Effizienzgründen und dem Konsumverhalten der Menschen entstünden. In anderen Nationen stehen hingegen die Rohstoffnutzung/-optimierung und das Prozessmanagement im Vordergrund. Innovationen entstehen durch Wettbewerb – in Deutschland und in China. 50:50 Joint-Ventures sind besser als wenn ein Unternehmen allein aus dem Ausland agiert. ZHANG Hui gab sich zuversichtlich, dass die Einschränkungen für ausländische Investoren auf dem chinesischen Markt auf Dauer verschwinden würden.

 

„Bei Innovationen wie etwa dem autonomen Fahren überlegen wir Automobilhersteller alle, in welche Richtung es in der Forschung nun gehen soll“, sagt Zhengxin Cai, Geschäftsführer von der Preh GmbH in Deutschland. Es ist wichtig, neben einer guten Idee auch die Umsetzbarkeit im operativen Bereich zu gewährleisten. Die 3 Faktoren Talent, Finanzierung und Globalisierung sind dabei entscheidend. Fachübergreifende Lösungen sind nun gefragt. Ein Markt bzw. Staat allein kann diese Herausforderungen in den vielfältigen Bereichen nicht bewältigen. Aus diesem Grund hat Preh GmbH nicht nur in Deutschland ein Zentrum für Forschung und Entwicklung, sondern in Rumänien und vielen anderen Ländern. Gäbe es nur ein einziges Zentrum, so würde die Effizienz und Differenzierung verloren gehen. Die EU will nun chinesische Investitionen zunehmend einschränken. Dem deutschen Preh-Management hingegen waren unsere Investitionen vor fünf Jahren willkommen. Bei zahlreichen chinesischen Übernahmen in Deutschland sind die Umsätze und Marktanteile seitdem gestiegen. Wir haben viel Zeit darauf verwendet, Gewerkschaften, Management, Politik und Verwaltung zu überzeugen, was am Ende dazu geführt hat, dass die Übernahme begrüßt wurde.