15. Juni 2016
Podiumsdiskussion im Hause der Sydbank Kiel
Auswirkungen der Ultraniedrigzinspolitik
Ist ein Ende der Ultraniedrigzinspolitik absehbar? Unter diesem Thema trafen sich versierte Fachleute im Hause Sydbank Kiel und diskutierten nach Eingangsreferaten unter der Leitung des ehemaligen Chefredakteurs der Kieler Nachrichten, Klaus Kramer, über die Themen Auswirkungen der Niedrigzinsen auf Stiftungen, betriebliche Altersvorsorge sowie Vermögenssicherung.
v.l. Michael Berndt, Jürgen Helfen, Klaus Kramer, Norbert Brackmann MdB und Prof. Dr. Leef Dierks / Foto: Wirtschaftsrat

In seinem Eingangsreferat gab vorab Rasmus J. Joensen von der Sydbank Apenrade seine Antwort, ein klares Nein. Ein Ende der Niedrigzinsen sei in absehbarer Zeit keinesfalls in Sicht – eine Einschätzung, die er mit den anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion teilte. Da nütze es auch nichts, daß die EZB jeden Monat den Geldmarkt mit 80 Milliarden Euro flute. „Das funktioniert nicht so gut wie gedacht“, so Joensen. Die erwarteten Investitionen ließen auf sich warten, Kredite würden nicht in dem Maße in Anspruch genommen wie erhofft, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ein moderates Wachstum werde bleiben. Aber es gebe Unsicherheitsfaktoren: Brexit, Wahl in den USA und nach wie vor Griechenland.

„Wir haben also keine Ahnung, wie die Entwicklung weitergeht?“, fragte Kramer, selbst Diplom-Volkswirt, in das Podium, besetzt mit Michael Berndt, Vorstand Finanzen der Zeit-Stiftung Hamburg, Norbert Brackmann (MdB), Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Haushaltsausschuß des Deutschen Bundestages, Jürgen Helfen, Partner bei PriceWaterhouseCoopers in Düsseldorf, sowie Professor Dr. Leef H. Dierks von der Fachhochschule Lübeck,  Lübeck, Bereich Finanzierung und Internationale Kapitalmärkte.

„Wir reden längst über Deflation“, so Dierks. Es seien die Inflationserwartungen, die man beeinflussen müsse. Konsumentscheidungen würden vertagt, Unternehmen produzierten auf Halde, der Verbraucher würde weiter abwarten, weil er hoffe, die Preise könnten weiter sinken. Schon sei man in einer Deflationsspirale. Was den Häuslebauer freut, macht denjenigen Probleme, die auf die gesetzliche Rentenversicherung und private Altersvorsorge gesetzt haben.

Ihre Erwartungen werden bei Weitem nicht erfüllt werden können.

Jürgen Helfen setzt deshalb auf die betriebliche Altersvorsorge. „Die klassische Rente auf Lebenszeit passt nicht mehr in unsere Zeit“, so der Fachmann. Wer könne schon 50 bis 60 Jahre in die Zukunft schauen? Denn das müsse man, wenn man sich – rein versicherungs-mathematisch – einen 20-jährigen Arbeitnehmer anschaue, der noch 45 Jahre Lebenszeit vor sich hat, später eine entsprechende Rente bezieht, die nach seinem Ableben von seiner statistisch jüngeren Frau noch 13 Jahre in Anspruch genommen wird, weil sie auch noch länger lebt als er. Eine betriebliche Versorgung im zeitgemäßen Format könnte die auftretenden Lücken füllen, so Helfen.

Lücken füllen müssen auch die Stiftungen des Landes. Da das Stiftungskapital nicht angegriffen werden darf, Geld nur aus den Zinserträgen verwendet werden kann, sind sie von der Niedrigzinspolitik extrem betroffen. Michael Berndt von der Zeit-Stiftung setzt deshalb vor allem auf Kapitalerträge aus dem Aktienmarkt. Law-School und Kunstforum in Hamburg könnten nicht kostendeckend gefahren werden, jährlich seien zusätzliche Finanzierungen nötig. Inzwischen seien von den 900 Millionen Euro Stiftungsvermögen 40 Prozent in Aktien angelegt, eine Politik, die sich als sinnvoll erwiesen habe.

Es gibt aber auch Gewinner. Norbert Brackmann: „Für mich als Haushaltspolitiker ist die Entwicklung durchaus erfreulich.“ Weniger Verschuldungen und Steuermehreinnahmen seien die Folge, die Investitionsetats würden hochgefahren. Stichwort Renten: Ja, sie seien sicher, aber die Frage sei, in welcher Höhe. Eine Herausforderung sei es, sich der Vollkaskomentalität entgegenzustellen.

Altersvorsorge: „Intelligente Konzepte sind gefordert, auch mit Beiträgen, die weh tun können“, so Jürgen Helfen. Altersvorsorge sei nicht sexy, aber könne attraktiver werden anhand einer App, die immer den aktuellen Vorsorgestand anzeige. Niedrigzinsen: „Der Euro ist nicht gefährdet, aber so wie jetzt, kann es nicht bleiben“, so Prof. Dr. Dierks. Lösungen? Renditen sind nur noch mit höherem Risiko zu erzielen. Doch die Bereitschaft zu höherem Risiko bedeutet nicht automatisch höhere Renditen. Bargeld zu Hause horten? Keine gute Idee. „Im Grunde sind alle volkswirtschaftlichen Denkmodelle gescheitert“, so Dierks.

Wie schaffe man denn nun ein Bewußtsein für die Problematik, fragt Kramer. Man könne überlegen, ob man bspw. mittels „opting out“ nicht automatisch einbehaltene Eigenbeiträge anregen sollte, so Helfen. Dierks sieht eher die Notwendigkeit, wieder einen Ausgleich zwischen Geld- und Gegenwert herzustellen. „Es ist mehr Geld da, als ausgegeben wird“, so Dierks, das sei auch ein Zeichen eines gewissen Wohlstandes.

 

Fazit: Die Betriebe und Stiftungen müssen sich rechtzeitig mit den Folgen einer Ultraniedrigzinspolitik auseinandersetzen und die Politik diesen Prozeß über eine Anpassung der spezifischen Rahmenbedingungen flankieren. Ansonsten herrsche offensichtlich ein großer Innovationsdruck im Währungsmarkt, wo der hinführe, sei aber naturgemäß nicht absehbar. /kp