23. Juni 2016
Deutsch-Russischer Kieler Woche-Empfang im Hause Wiegert, Werner & Partner
Zeiten der Sprachlosigkeit
Er freue sich, so Reimer Tewes, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrates Schleswig-Holstein, daß es Menschen mit im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlosem Optimismus gebe. Handel werde längst wieder mit Iran und Kuba betrieben. "Ich wünschte mir, daß Russland ebenso wieder dazuzählen würde.", so Tewes.
v.l. Prof. Dr. Alexej Gromyko, Landtagspräsident Klaus Schlie, Botschafter Ivan Khothulev und Landesvorsitzender Reimer Tewes / Foto: Wirtschaftsrat

Direkter Kontakt konnte an diesem Abend sofort geknüpft werden. Nicht nur der russische Generalkonsul in Hamburg, Ivan Khotulev, war zugegen, sondern auch Alexej Gromyko. Der Nachname sagt der älteren Generation durchaus sehr viel: Der Großvater, Andrei Andrejewitsch Gromyko, war sowjetischer Politiker und von 1957 bis 1985 Außenministers der UdSSR. Während der Breschnew-Jahre war er an der Entwicklung der Entspannungspolitik zwischen den Supermächten beteiligt.

Alexej Gromyko leitet nun viele Jahrzehnte später das Europa-Institut in Moskau. Von Entspannungspolitik kann jedoch aktuell kaum die Rede sein. Deshalb mahnte auch der Gastgeber, Christian Wiegert aus Kiel, einen Neustart in Sachen Dialog an. „Isolation darf es heute nicht mehr geben“, so Wiegert. Allerdings: Inhalte seien noch zu liefern. Zu einem Neustart gehöre auch, daß zementierte Positionen nicht mehr ausgetauscht, sondern kreative Lösungen gefunden werden würden. Die Spirale der Eskalation müssen angehalten werden.

Klaus Schlie, Landtagspräsident und Gastredner an diesem Abend, konnte das nur unterstreichen. Die Ostseeanrainer hätten sich längst von einer Konfrontation zur Kooperation gewandelt, das deutsch-russische Verhältnis sei von einem verläßlichen und positiven Charakter geprägt. Das Fundament sei das Vertrauen, und das dürfe auch einmal belastet werden. „Ich bin aber zutiefst überzeugt, daß dieses Vertrauen die Grundlage für Gespräche ist, die wieder zu einem Miteinander führen werden“, so Schlie. Deutschland sei überzeugt von der Unverletzlichkeit der Grenzen, das sei für Deutsche die Grundlage des Völkerrechts.

 

So sei es kein Wunder, daß die Annexion der Krim zu erheblichen Irritationen geführt habe. „Ich bin ein Gegner von Sanktionen, aber auch dafür, politische Konflikte nicht unter den Tisch fallen zu lassen.“ Und ob Ausladungen des Militärs anläßlich der Kieler Woche der richtige Weg seien, sei dahingestellt. Das sei aber kein Akt der Feindschaft, sondern ein Zeichen gegen diese Grenzverletzungen. Dennoch: „Ihre Anwesenheit, Herr Gromyko, zeigt, daß wir langsam wieder auf dem richtigen Weg sind.“, so Schlie.

Gromyko, das erste Mal in Kiel, zog einen geschichtlichen Bogen der deutsch-russischen Geschichte, die eng mit Kiel verbunden ist. „Ein geschichtlich aufgeladener Weg“, so der Gast aus Moskau. Das Europa-Institut sei seit 28 Jahren in Moskau präsent, man halte engen Kontakt zu allen politischen Institutionen. Mit einem Lächeln berichtet er von seinem Empfang am Hamburger Flughafen: „Gromyko? Der Gromyko?“, sei er gefragt worden und dabei kurz verunsichert gewesen. Doch der Empfang durch die Grenzbeamten sei umso freundlicher gewesen. Das habe er als gutes Zeichen gewertet. So hole die Vergangenheit einen manchmal ein. Auch, als Egon Bahr vor nicht langer Zeit das Europa-Institut besuchte, habe man über seinen Großvater gesprochen, der mit Walter Scheel zusammengearbeitet hatte. Dennoch empfinde er die aktuelle Situation schlimmer als im Kalten Krieg. Damals sei es eine Zeit der Bedrohung, aber auch der Partnerschaft gewesen. „Russland hat einen großen Beitrag zur Wiedervereinigung der Deutschen geleistet.“, so Gromyko. Und insbesondere in den 90er Jahren sei die Versöhnung zwischen Deutschland und Russland weit vorange-kommen. „Das ist fast wie ein Wunder, und das sollte man nicht aufs Spiel setzen“, appellierte er. Meinungsverschiedenheiten dürften nicht zu einem Bruch führen. Da gebe es unterschiedliche Interpretationen des internationalen Rechts.

„Je länger wir die Spirale des gegenseitigen Unverständnisses weiterdrehen, umso mehr Probleme wird es geben“, so Gromyko. Aber, nun zuversichtlicher: „Die gesellschaftliche Meinung in Europa ändert sich, man geht zu versöhnlicheren Tönen über. Wenn Russland und
Deutschland nicht aufeinander zugehen, wird es keinen gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Raum geben.“ Das sei weder gut für Russland noch für Deutschland.

Die Bereitschaft zum Dialog sei da, diese solle man nun nutzen. /kp