08. September 2016
Mittagsgespräch der Sektion Kiel
Die regionale Tageszeitung im digitalen Zeitalter
„Es gab schon mal einfachere Zeiten, Chefredakteur einer Tageszeitung zu sein“, so Christian Longardt, in dieser Funktion zuständig für die Kieler Nachrichten (KN) seit fünf Jahren. Allerdings: Interessant sei es, eine Herausforderung allemal. Verloren hätte, wer sie nicht annehme. Ein Zurück gebe es nicht.
KN-Chefredakteur Christian Longardt zu Gast in der Sektion Kiel / Foto: Wirtschaftsrat

Die Digitalisierung schreitet rasant voran, und wer glaubt, er sei davon nicht betroffen, irrt“, so Longardt, der vor Jahren auch im eigenen Haus auf Skepsis stieß, ob man diesen Weg einschlagen solle. Er hörte Sätze wie „Das betrifft uns aber doch nicht“. Doch für die xy-Generation, also die ab 1999 Geborenen, gelte „online only“. Für sie seien die sozialen Netzwerke entscheidend, und dort müßten die KN nun einmal zunehmend vorkommen. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, hätten die KN ihr Haus umstrukturiert, ein Prozeß, der immer noch andauere bis 2018. Die Belegschaft sei reduziert und konzentriert, ein starker Partner gesucht und mit der Madsack-Mediengruppe gefunden worden. Damit habe man das Netzwerk deutlich erweitern und die Attraktivität der KN erhöhen können. Mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ erreiche man nun etwa eine Million Leser (Platz vier für Tageszeitungen in Deutschland) und sei damit auch für prominente Interviewpartner äußerst interessant – eine Zielgruppe, die man zuvor eher schwer erreicht habe, so Longardt.

„Ja, in den vergangenen zehn Jahren haben wir 20 Prozent der Printauflage verloren“, so der Referent. Aktuell liege sie bei 90.000 Stück inklusive der Segeberger Zeitung. Dafür könne man auf ein wachsendes digitales Angebot verweisen. Hier betrage der Anteil bereits acht Prozent
(epaper). Die Kündigungswelle sei nicht extrem sondern mit anderen Verlagen vergleichbar. Dennoch: „Wer weg ist, ist schwer wieder einzufangen.“ Digitale Medien bedeuteten auch: eine enorme Beschleunigung der Nachrichtenwelt, teilweise fast in Ist-Zeit und das an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr. Noch beschäftige die Verlage das Problem, mit diesem Bereich auch Geld zu verdienen. Bezahlschranken würden langsam greifen, der Weg sei aber mühsam, weil im Internet zunächst alles frei angeboten worden sei. Eine Strategie sei also von Nöten. „Wir wollen uns deshalb auf unsere Kernaufgaben besinnen.“, so der Referent. Überregionale Inhalte würden geteilt: Es mache wenig Sinn, wenn 18 Redakteure von Tageszeitungen über die Papstwahl schreiben würden. „Das macht dann der, der es auch am besten kann.“, sagt der Chefredakteur.

So habe man kompetente Texte aus den eigenen Reihen statt fremder Berichterstattung der Nachrichtenagenturen. Die gute Nachricht: „Die Verleger glauben an die Zukunft und investieren deshalb enorm.“ Beleg dafür: Auch Christian Heinrich, Verleger der KN mit 51 Prozent Anteil, ist bei diesem Treffen im Kieler Kaufmann anwesend, um diese These zu stützen. Ein Beispiel für Investitionen sei der neu eingerichtet sog. Newsroom, in dem die Redakteure einen schnellen Überblick über die wichtigsten Themen erhielten und über den erforderlichen „Kanal“ an den Leser entscheiden könnten. Dort säßen die Spezialisten, während draußen in der Fläche die Reporter für die Inhalte sorgen würden – unter Zuhilfenahme aller technischen Hilfsmittel. „Schnelligkeit und Gründlichkeit sollen so gesichert werden, deshalb gilt das Vier-Augen-Prinzip auch für den Onlinebereich.“ Extrem wichtig sei jedoch, dabei eigene Inhalte zu vermitteln. „Nur dann können wir erfolgreich sein.“, blickt Longardt in eine Zukunft, in der eine Zeitung nur bestehen könne, wenn sie sich mit einer motivierten Mannschaft aktiv ins Geschehen einbringe.


„Was wäre Demokratie ohne eine freie Presse?“, fragt Longardt in die Runde, ist er schließlich beim Wirtschaftsrat der CDU. Den Politikern sei das oft zu wenig bewußt, die Journalisten würden diskreditiert, obwohl sie nur ihre Arbeit machten. „Wir gemeinsam müssen das Bewußtsein für den Wert des Journalismus stärken“, fordert er./kp