15. Juli 2015
Abfallwirtschaft zwischen Privatisierung und Rekommunalisierung
Junger Wirtschaftsrat lud ein zur Besichtigung des Bremer Familienunternehmens Nehlsen
Das Bremer Familienunternehmen Nehlsen steht seit über 90 Jahren für Dienstleistungen in den Bereichen Recycling, Entsorgung und Reinigung und wird mittlerweile in dritter Generation geführt. Als fünftgrößter Müllentsorger in Deutschland und Marktführer im Nordwesten beschäftigt Nehlsen über 4400 MitarbeiterInnen an rund 60 nationalen und internationalen Standorten. Neben seiner Kernsparte Recycling und Entsorgung ist das Unternehmen u.a. auch in den Bereichen Facility Management und Logistik tätig und hat zahlreiche Tochterunternehmen und Beteiligungen.
Foto: Wirtschaftsrat

Initiiert durch den Landesvorsitzenden des Jungen Wirtschaftsrates Bremen, Ralf Behrend, gewährte das Unternehmen Mitgliedern und Gästen des Bremer Landesverbandes einen Blick hinter die Kulissen und führte über das Gelände seines Standortes in den Bremer Industriehäfen. Hans-Dieter Wilcken, Geschäftsführer der Nehlsen GmbH & Co. KG, Volker Ernst, Geschäftsführer der Entsorgung Nord GmbH und Ronald-Mike Neumeyer, Geschäftsführer der Veniox GmbH, empfingen die Teilnehmer und starteten die gemeinsame Führung durch die Verarbeitungsanlagen am Standort. Ca. 100 Fahrzeuge für den Abtransport von Gelben Säcken, Altpapier und Hausmüll sind in der Hüttenstraße stationiert – unter anderem auch Fahrzeuge mit Hybridtechnologie, die Nehlsen als erstes Unternehmen auch im Echteinsatz nutzt. „Nehlsen ist sehr stark daran interessiert, diese Technologie voranzutreiben“, erläuterte Wilcken und betonte die unternehmerische Verantwortung bei deren Weiterentwicklung.
Vorbei am Fuhrpark des Entsorgers, eigenen Werkstätten, in denen die Fahrzeuge instand gehalten werden, und einer neuen Anlage, die gerade zur Zerkleinerung von GFK-Flügeln von Windanlagen ausgebaut wird, ging es für die Besucher zunächst zur Wertstoffsortieranlage, in der Verpackungen aus Gelben Säcken sortiert werden – bis Anfang Juli bereits über 35.000 Jahrestonnen. Durch verschiedene Verfahrenstechniken wie Siebtrommeln, Förderbänder mit Sieblochung, Magnetabscheider, Windsichter und Nah-Infrarot-Geräte, aber auch durch die händische Sortierung durch Mitarbeiter werden die unterschiedlichen Abfälle separiert und Wertstoffe wie Papier, Folie und einzelne Kunststoffarten für weitere Recyclingprozesse herausgefiltert und aufbereitet. Etwa ein Drittel des Mülls verbleibt als Rest, der nicht weiter verwertet werden kann und letztlich als Ersatzbrennstoff an das Mittelkalorik-Kraftwerk geht.
So genannte Mischkunststoffe wie Chipstüten, Joghurtbecher o.ä., die nicht getrennt werden können, kommen auf dem Nehlsen-Gelände in die Kunststoffaufbereitung, die die Teilnehmer zudem besichtigen konnten. Die Mischkunststoffe werden dort durch Zerkleinerungsprozesse zu einem Agglomerat verarbeitet, das anstelle von Primärrohstoffen wie bspw. Schweröl als Sekundärbrennstoff in Hochofenprozessen der Stahlgewinnung eingesetzt werden kann.

Nach der Besichtigung von Wertstoffsortieranlage und Kunststoffaufbereitung stellte Hans-Dieter Wilcken den Mitgliedern und Gästen des Wirtschaftsrates den Nehlsen-Konzern detaillierter vor und ließ ausreichend Raum für interessierte Fragen der Teilnehmer. Neben einer Skizzierung der Unternehmensstrukturen, thematisierte Wilcken u.a. den Bereich des Klima- und Umweltschutzes, dem sich Nehlsen verpflichtet fühle und sich für mehr Recycling und Ressourceneffizienz einsetze. Mit „Nehlsen pro klima“ initiierte das Unternehmen ein Projekt mit dem Ziel, klimaschonende Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln. Nach Angaben Wilckens konnte das Unternehmen so in verschiedenen Einzelprojekten im Zeitraum von 2010-2013 bereits ca. 50% Energie einsparen. Auch der Bereich der Elektromobilität bildet einen weiteren Bereich, in dem sich das Unternehmen engagiert. Hierzu stellte Ronald-Mike Neumeyer die Veniox GmbH & Co. KG vor, die er als Geschäftsführer leitet und zu deren Gesellschaftern die Nehlsen AG gehört. Das Unternehmen bietet Lösungen im Bereich der Elektromobilität.


Eine besondere Herausforderung für die Zukunft stellt die bevorstehende Neuorganisation der Müllentsorgung Bremens dar, bei der der Trend zu einer Rekommunalisierung der Abfallwirtschaft geht und eine Fortsetzung der bisherigen Privatisierung nicht angestrebt wird.
Ende der 90er Jahre privatisierte der Bremer Senat die komplette Abfallwirtschaft Bremens und schloss hierbei Leistungsverträge mit Unternehmen, wobei der Nehlsen-Konzern aktuell die Müllabfuhr, Straßenreinigung und den Winterdienst betreibt. Nur die Kontrolle und Überwachung blieb bei der Stadtgemeinde. Nach 20 Jahren Laufzeit werden nun zum 30. Juni 2018 die Verträge zur Gewährleistung der Abfallentsorgung auslaufen, was bedeutet, dass die Erledigung aller Aufgaben an die Stadtgemeinde zurückfällt, sofern diese nicht rechtzeitig ausgeschrieben und erneut an Dritte übergeben werden. So ergeben sich letztlich drei Varianten für die zukünftige Organisation der bremischen Abfallwirtschaft: die erneute Fremdvergabe, eine privatwirtschaftliche GmbH mit städtischer Beteiligung oder die Gründung eine Anstalt öffentlichen Rechts d.h. der Eigenbetrieb durch die Stadt.
In ihrem jüngst vorgelegten Koalitionsvertrag haben sich SPD und Grüne darauf verständigt, die Abfallwirtschaft wieder stärker in kommunale Hände zu legen und alle Entsorgungsaufgaben in eine Anstalt öffentlichen Rechts zu bündeln. Daneben ist jedoch zunächst auch die Partnerschaft mit einem privaten Dienstleister vorgesehen, der die operativen Leistungen der Müllabfuhr übernehmen soll. Eine spätere vollständige Rekommunalisierung wird jedoch nicht ausgeschlossen.
In sog. Public-Private-Partnerships – als Partnerschaft zwischen öffentlicher Hand und privatwirtschaftlichen Unternehmen – beteiligt sich Nehlsen schon in vielen anderen Kommunen, in denen Städte und Kommunen direkten Zugriff auf die Infrastruktur und das Know-How der Nehlsen-Gruppe erhalten und diese zum Nutzen der Kommune eingesetzt werden können.

Besichtigung der Wertstoffsortieranlage (Foto: Wirtschaftsrat)
Gang durch eine Halle mit bereits sortierten Kunststoffen (Foto: Wirtschaftsrat)