28. Mai 2013
Chancen und Risiken der Energiewende
Landesfachkommissionsvorsitzender Dr. Heinrich-Hermann Schulte: „Verschwendung vermeiden“
Die Energiewende ist ein Dauerthema beim Wirtschaftsrat Hessen. Dieses Mal hatten der Landesverband, die Sektion Darmstadt sowie die Landesfachkommission Umwelt und Energie nach Darmstadt eingeladen, um sich von Prof. Dr.-Ing. Johannes Janicka, Fachbereich Energie- und Kraftwerktechnik der hiesigen Technischen Universität, über die Chancen und Risiken der Energiewende aufklären zu lassen.
v.l.n.r.: Michael Cordt; Dr. Heinrich-Hermann Schulte; Prof. Dr.-Ing. Johannes Janicka; Prof. Hans Helmut Schetter; Prof. Dr.-Ing. Rolf Katzenbach; Marcel Riwalsky (Foto: Wirtschaftsrat)

„Das Thema des heutigen Abends wird ein Schwerpunkt des Wahlkampfes in Hessen und auf Bundesebene sein“, sagte Prof. Hans Helmut Schetter, Vizepräsident des Wirtschaftsrates Deutschland und Vorsitzender des Landesverbandes Hessen, zur Einführung. Die entscheidende Frage laute: Wem traut der Wähler das Management der Energiewende, neben anderen Großprojekten wie der Finanzkrise und dem demographischen Wandel, zu? Bei der Umsetzung der Energiewende gehe es aber nicht nur um Politik, wie Schetter deutlich machte. Dort könne man vieles erzählen, „aber am Ende kommt es auf die Zahlen, auf die Sprache der Ingenieure an“, erklärte er und bezeichnete die Naturwissenschaft als den Rohstoff des Abendlandes. Es seien die Naturwissenschaftler und Ingenieure, die großen Anteil an unserem Wohlstand und der Exportfähigkeit Deutschlands hätten.


„Die Energiewende ist in erster Linie ein Programm zum Ausstieg aus der Atomenergie“, so Janicka. Doch dahinter steckt noch viel mehr, wie der Experte aufzeigte. Angesichts einer stetig wachsenden Weltbevölkerung, einer zunehmenden Industrialisierung und der überwiegenden Nutzung fossiler Brennstoffe sei mit einer Verdopplung der Kohlendioxid-Emmissionen bis zum Jahre 2050 zu rechnen. Allein China werde 2015 voraussichtlich schon so viel Treibhausgase produzieren, dass diese Menge dem weltweiten Reduktionsziel von 2050 entsprechen werde. „Das Ziel, den globalen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß langfristig um 50 Prozent zu senken, ist nicht erreichbar“, so die Einschätzung von Prof. Dr.-Ing. Johannes Janicka, Fachbereich Energie- und Kraftwerktechnik der hiesigen Technischen Universität. Das Kernproblem bestehe also in einer dramatischen Klimaveränderung.


Vor diesem Hintergrund bietet die Energiewende einerseits Chancen, ist andererseits aber auch mit erheblichen Risiken verbunden. Janicka sieht drei wesentliche Probleme, nämlich die ungelöste Speicherfrage, enorme Kosten und die unsichere Marktstruktur: Für die Energiespeicherung gebe es derzeit kein klares Konzept. Der Ausbau von onshore- und offshore-Windanlagen werde zwar vorangetrieben, die Frage der Speicherung sei aber offen und der Forschungsbedarf auf diesem Gebiet noch massiv. Die aktuellen Prognosen für zukünftige Strompreise bezeichnete der Experte als „hochgradig optimistische Annahmen“. Ein Aufschlag von 50 Prozent sei realistischer. Pro Jahr müsse mit Mehrkosten von 60 bis 100 Milliarden Euro gerechnet werden. Offene Fragen seien in diesem Zusammenhang der Einfluss auf die Exportwirtschaft und die soziale Ausgewogenheit. Mit Blick auf die Markstruktur gab Janicka zu bedenken, dass die Wirtschaftlichkeit von Anlagen nicht kalkulierbar sei, wenn die Auslastung nicht prognostiziert werden könne. Die Folge: Ohne Preisgarantien wird es keine Neubauten geben. Insgesamt befinde sich die gesamte Branche auf dem Weg in die Verstaatlichung.


Eher zurückhaltend bewertete der Experte die Chancen der Energiewende. Onshore- und offshore-Anlagen brächten zwar Arbeitsplätze, die Exportchancen auf Weltmarkt seien aber nur moderat: „Elf chinesische Anlagen sind immer billiger als zehn deutsche“, illustrierte Janicka. Für die Photovoltaik-Produktion sei der Misserfolg, ähnlich wie in der Chip-Industrie, klar hervorsehbar gewesen. Eine echte Chance könnten aber komplexe umweltfreundliche Gesamtlösungen sein, z.B. im Bereich des Netzausbaus.


Als Fazit zog Janicka, dass die Energiewende aus ethischen und gesellschaftlichen Gründen dringend geboten sei. Besonders wichtig sei es, die Randbedingungen – technologische Probleme, deutlich höhere Kosten und die unsichere Marktstruktur – offen zu kommunizieren und einen breiten gesellschaftlichen Konsens zu erreichen. Besonderes Augenmerk müsse auf die Kosten und die Versorgungssicherheit gelegt werden, allerdings ohne die Umweltziele aufzugeben.

 

Das Schlusswort übernahm Dr. Heinrich-Hermann Schulte, Sprecher der Landesfachkommission Umwelt und Energie des Wirtschaftsrates in Hessen. Seine Botschaft an die Zuhörer: Wir alle können im Großen wie im Kleinen zur Energiewende beitragen, wenn wir unnötige Energieverschwendung vermeiden.


Der Veranstaltungsort, das darmstadtium, ist „das nachhaltigste und in Deutschland erste Kongresszentrum, das ein Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. vorweisen kann“, erklärte Gastgeber Michael Cordt, Leiter Sales & Marketing. Das Kongresszentrum nutzt zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind, Wasser und Sonne. Auf 18.000 qm Fläche verteilen sich 21 flexibel kombinierbare Konferenzräume, die mit modernster Technik und einer einzigartigen IT-Infrastruktur aufwarten. Im Jahr 2010 fand der 2. Süddeutsche Wirtschaftstag des Wirtschaftsrates in den Räumen des darmstadtium statt.