03. März 2017
Landesfachkommissionen Energiewirtschaft der Landesverbände Hamburg und Schleswig-Holstein
Der Norden als Schrittmacher
Die Kommissionen aus Hamburg und Schleswig-Holstein haben zusammen bei der HanseWerk AG in Quickborn getagt. Deren Vorstandsvorsitzender Matthias Boxberger begrüßte als Gastgeber Kanzleramtsminister Altmaier. Vier Impulse hatten die beiden Kommissionen
gemeinsam vorbereitet.
v.l. Ulf Gehrckens, Minister Peter Altmaier, Dr. Stefan Liebing, Dr. Christian v. Boetticher / Foto: Wirtschaftsrat

Ulf Gehrckens, Vorsitzender der Landesfachkommission aus Hamburg, empfiehlt bei den Netzgebühren Ausnahmeregelungen für energieintensive Unternehmen. Der enorme Anstieg der Netzkosten sei für Industriebetriebe wie Aurubis (Kupferhütte) oder Trimet (Aluminium) kritisch, weil sie im internationalen Wettbewerb stehen und homogene Güter handeln würden. Befreiungen vom EEG seien deshalb für stromintensive Unternehmen überlebenswichtig. Das politische Verständnis dafür sei ohne große Unternehmen in der Handelskammer Hamburg gefährdet.

Dr. Bertram Zitscher berichtet von zwei Gießereien in Schleswig-Holstein, die nicht unter die Ausnahmeregelungen des EEG fallen, weil sie betrieblich nicht zu isolieren seien und deshalb die Ausnahmekritierien verfehlten. Gehrckens hält CO2- Reduzierungen nicht so einfach machbar. Erdkabel bestehen aus Kupfer, Freileitungen aus Aluminium. Die Verwendung von Abwärme aus der Produktion spare für andere Wärmekraftwerke CO2 ein, dies werde aber nicht vergütet. Das sollte mit dem physikalisch unvermeidlich entstehenden und per Zertifikat zu bezahlendem CO2-Ausstoß verrechnet werden dürfen.

Dr. Martin Grundmann, Geschäftsführer der ARGE Netz GmbH, merkt an, daß für die erneuerbaren Energien zukünftig verstärkt Auslandsmärkte gefunden werden müssen. Gesetzliche Regelungen brauchen auch Freiräume. Energieerzeugung und der Verbrauch müssen ins Gleichgewicht gebracht werden. Die erneuerbaren Energien müßten zukünftig einen größeren Beitrag für die Versorgungssicherheit leisten. Das Bundesforschungsprojekt zur norddeutschen Energiewende NEW 4.0 stifte hierfür wertvolle Ansätze. Er empfiehlt der Bundesregierung, diesen industriegetriebenen Ansatz zur Lösung offener technischer Fragen für eine erfolgreiche Energiewende fortgesetzt zu fördern. Der Rahmen einer strategischen Kooperation von Schleswig-Holstein als Wind flächenland und Hamburg als Metropole lasse sich schrittweise auf weitere Partner im Norden und am Ende auch auf ganz Deutschland ausweiten.

Reinhold von Eben-Worlée, geschäftsführender Gesellschafter der Worlée-Chemie GmbH, merkt an, daß sich die Energiekosten in seinem Unternehmen zunächst fünf-, dann sechs- und jetzt siebenstellig entwickelt hätten. Das Einbremsen der EEG-Kosten sei leider nur bedingt geglückt, was an den hohen „Redispatch“-Kosten ablesbar sei. Jetzt würden steigende Netzentgelte hinzukommen. Wenn viel Windkraft zu systematisch höchsten Netzentgelten im Norden führe, könne die Energiewende nicht funktionieren. Bundesweit einheitliche Netzentgelte seien deshalb erforderlich. Herr Dr. Grundmann sieht aufgrund steigender Netzentgelte, trotz des vielen Windstroms, Gefahren einer Verlagerung der Industrie aus dem Norden in den Süden. Wie kann man die Standorte in Schleswig-Holstein davor schützen? Er verweist auf die AGORA-Studie zum Ansatz überall gleicher Netzentgelte. Dr. Christian von Boetticher fordert für die Energiewende ein Zusammenspiel von Produktion und Innovation. Die Netzentgelte in SH seien die höchsten in Deutschland, deshalb brauche man ein „Netzentgeltmodernisierungsgesetz“.

Prof. Dr.-Ing Frank Osterwald, Direktor für Forschung und Entwicklung bei Danfoss Silicon Power stellt fest, daß ohne Leistungselektronik keine Windkraftanlage und keine Datenübertragung funktioniere. Zu ihrer Weiterentwicklung seien Innovationen bei Technik und Preisen erforderlich. Dafür wiederum Forschungsgelder vom Land und Bund. Die Kooperation zwischen Industrie und Hochschulen müsse ausgebaut werden. Forschungszentren zögen Firmen nach. Er plädiert für ein Bundesprogramm zu Förderung von exzellenten Fachhochschulen, da insbesondere diese ausgestattet werden müssen, um angewandte
Forschung mit Industriepartnern vorantreiben zu können.

Peter Altmaier stellte klar, daß die Energiewende nur gelingen könne, wenn sie wirtschaftlich sei. Konventionelle und erneuerbare Energieerzeugung müßten zusammengeführt werden. Dafür sei die Energieversorgung von zentral auf dezentral umzustellen. Die Wertschöpfung solle in der Region bleiben. Die Anschubhilfe war richtig, ihre Beendigung aber nicht durchdacht. Ein „Ausbaukorridor“ nach Mengen und Preisen sei richtig, weil er Planungssicherheit schaffe. Die Marktintegration der Energieerzeugung über Ausschreibungen sichere die Finanzierbarkeit der Energiewende über die EEG-Umlage. Herkömmliche Reservekapazitäten würden aber weiterhin benötigt werden. Der Leitungsausbau und der Zubau von Windkraft müsse synchronisiert werden. New 4.0 sei bei der Industrie vorangeschritten, bei der Energiewende noch nicht. E-Mobilität werde zu fahrerlosen Autos führen. Um minus 90 Prozent CO2-Ausstoß bis 2050 zu erreichen, seien Einsparungen beim Energieerzeugen, Verbrauch, bei Gebäuden und der Industrie erforderlich.

Der Vorsitzende Dr. Stefan Liebing gibt dem Kanzleramtsminister mit auf den Weg: Die Abstimmung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein ist nötig. Dabei und bei der technologischen Förderung von Unternehmen aus dem Bereich erneuerbarer Energie haben die Landesregierungen bislang weitgehend versagt. Nur wenn Forschung die Energiewende zum Exportschlager mache, schaffe sie auch Arbeitsplätze./bz