08. Februar 2017
"Die Menschen suchen nach Halt und Führung"
Daniel Caspary MdEP, Kai Whittaker MdB und Stratasys President EMEA Andy Middleton diskutieren mit 50 regionalen Unternehmer/innen den Brexit und die Folgen
Es war eine besondere Veranstaltung des Wirtschaftsrats. Selten waren persönliche, politische und wirtschaftspolitische Aspekte so eng miteinander verwoben wie an diesem Abend.
Daniel Caspary: "Die Menschen suchen nach Halt und Führung" (Foto: Wirtschaftsrat)

Daniel Caspary beleuchtete die Gesamtsituation der EU und ging auf die anstehenden Wahlen in Frankreich und den Niederlanden ein. Weltpolitisch, so Caspary, müsse man ebenso skeptisch in Richtung USA und Russland blicken: „Die Menschen suchen nach Halt und Führung“, so Caspary der gleichzeitig klarstellte, dass die Antworten auf die Fragen in einer komplexen Welt zwar verständlich, nicht jedoch zu einfach ausfallen dürften.

v.l.n.r.: Andy Middleton, Daniel Caspary MdEP, Kai Whittaker MdB, Konrad Walter (Foto: Wirtschaftsrat)

Im Brexit sieht Caspary für die EU ebenso ein Problem wie für Großbritannien – für letztere jedoch da deutlich größere. Beispielhaft nannte er die aktuellen Exportquoten. Während die EU 27 (EU ohne Großbritannien) 6% auf die Insel exportieren, exportiert Großbritannien 60% seiner Waren und Güter an die übrigen 27 EU-Staaten. Caspary bescheinigte den Briten ein fehlendes Gesamtkonzept und bemängelte fehlende Verhandlungsführer: „Für Freihandelsabkommen, die die EU bereits mit vielen Ländern geschlossen hat, nun zusätzlich Einzellösungen verhandeln zu wollen ist illusorisch und fernab jeder Realität“, so der Europa-Politiker, der der EU schwierige Zeiten voraussagt, gleichzeitig jedoch zur Geschlossenheit und logischem Denken aufrief.

 

Andy Middleton President EMEA bei Stratasys vertrat in diesem Punkt eine andere Meinung. „Wenn Emotionen im Spiel sind, hilft logische Argumentation gar nichts“, so Middleton. Der gebürtige Brite beschrieb, was viele Briten so empfinden dürften: „man wächst in Großbritannien auf, fühlt sich aber nicht europäisch“, die EU fühle sich weit weg an, man fühle sich nicht zugehörig, so Middleton weiter. So war er es auch, der der EU noch maximal fünf Jahre Lebensdauer prognostizierte, dann jedoch deren Zerfall befürchtet und darauf hinwies, dass Großbritannien die stärkste Streikraft innerhalb der EU sei, die künftig dort fehle.

Andy Middleton: "Wer in Großbritannien aufwächst, fühlt sich nicht als Europäer" (Foto: Wirtschaftsrat)

Auch MdB Kai Whittaker konnte aus verschiedenen Perspektiven auf den Brexit blicken. Als Sohn eines Briten schwang auch bei ihm eine persönliche Komponente mit. Whittaker: „Mein Vater hat kurz nach Bekanntgabe der Ergebnisse angerufen und gefragt, wie er einen deutschen Pass bekommen könne – der Antrag läuft.“ Whittaker beschrieb, was viele so empfunden haben dürften. Erst als das Ergebnis da war, wurde man sich der Tragweite tatsächlich bewusst. Whittaker weiter: „Empfinden hin oder her, die Briten können nicht verleugnen, dass sie nur 30 km vor Calais liegen.“ In der Forderung nach einem harten Brexit sieht Whittaker Chancen für Großbritannien aber auch für die EU die so, ihren Wert und ihr Gesicht wahren könne.