20. Oktober 2020
Die Zukunft der Automobilindustrie - droht der Kollaps?
Ein Austausch mit dem Analysten und Automotiveexperten Peter Fuß zur jüngsten und zukünftigen Entwicklung einer der wichtigsten Branchen in Baden-Württemberg und Deutschland.
Die Automobilindustrie mit allen ihren Zulieferern beschäftigt allein in Baden-Württemberg über 200.000 Angestellte. Nicht umsonst ist Deutschland weit über die Grenzen Europas als Autoland bekannt. Nachdem die Hersteller jedoch lange Zeit eine positive Entwicklung kannten, verschlechtern sich seit einigen Jahren die Zeichen. Vor allem der Transformationsprozess hin zu einem klimaneutralen Verkehr beschäftigt die Branche und hat gerade bei vielen Zulieferern zu einem signifikanten Sparkurs und Stellenabbau geführt. Wie die weiteren Aussichten für diese Industrie sind und wie sich die Krise auf den Markt ausgewirkt hat, konnten wir mit Peter Fuß, Verfasser einer Studie zu den Autobauern, besprechen.
Im Rahmen einer exklusiven Videokonferenz stellte Peter Fuß die neue Studie von EY zur Zukunft der Automobilindustrie vor (Bild: EY)

Nachdem viele Autobauer und Zulieferer auch schon vor der weltweiten Wirtschaftskrise Gewinnwarnungen ausgegeben und Arbeitsplätze abgebaut haben, wurden die Zeiten für die Branche durch das Corona-Virus noch rauer. Während die bisher sehr wichtigen Märkte Europa und Nordamerika in diesem Jahr massiv einbrachen, wuchs der bis zum Februar zweitgrößte Markt, China, sogar. Diese zunehmende Abhängigkeit gerade der deutschen Hersteller betont auch Peter Fuß, Senior Advisory Partner Automotive bei EY, besonders. Gerade unter dem Eindruck der noch immer nicht überstandenen Pandemie würde die Bedeutung des Marktes in Fernost offensichtlich.

Die Entwicklung des chinesischen Fahrzeugmarkts gibt verhaltenen Grund zu Optimismus - Peter Fuß (Bild: WR)

Doch obwohl die Krise an der Branche nicht spurlos vorbeigehen wird, ist sich Peter Fuß bei Betrachtung der langfristigen Wachstumszahlen sicher: „Die Automobilindustrie ist immer noch eine Wachstumsindustrie.“ So stelle dieses Jahr natürlich einen gravierenden Einbruch dar und auch hätten sich die Wachstumsraten seit 2017 verringert, aber dennoch sei ein Wachstum der Automobilhersteller zu erkennen.

Das eigentliche Problem sieht der Experte deshalb auch nicht bei den Herstellern, die schon jetzt die Transformation vorantrieben, sondern vielmehr bei den Zulieferern, die die Motorkomponenten herstellen. „Die Transformation hört durch Corona nicht auf.“ So würden die Unternehmen in dieser Zeit doppelt belastet. Vor allem mittelständische Unternehmen hätten deshalb nicht die Ressourcen, eine Transformation des von der Politik geforderten Ausmaßes zu stemmen.

Als Automobilzulieferer konnte Sektionssprecher Norman Mürdter die Erkenntnisse der Studie mit eigenen Erfahrungen ergänzen (Bild: WR)

Die anschließenden Fragen drehen sich hauptsächlich um die kommende Transformation. Mit dem momentanen Energiemix sei allen Beteiligten klar, dass das Elektroauto, wenn man es von der Wiege bis zur Bahre betrachte, nicht umweltfreundlicher sei als der Verbrenner. Statt utopische Klimaziele auszurufen, sollte sich die Politik in Berlin und Brüssel lieber darauf verlegen, viele verschiedene Technologien zu fördern und die für den Umbruch nötige Infrastruktur zu installieren. Zwar hätten die deutschen Autohersteller zu spät auf den Wandel reagiert, holten jedoch stetig auf. Um weiterhin Weltspitze bleiben zu können, bräuchten sie jedoch gute politische Rahmenbedingungen. Wenn es diese gebe, wird die deutsche Automobilindustrie ihren „Goldstandart“ halten, resümiert Herr Fuß abschließend.