05. Mai 2017
Digitalisierung bis ins Detail
Der Nordhessische Wirtschaftstag 2017 in Frankenberg
Die FingerHaus GmbH in Frankenberg (Eder) war Ausrichter des 3. Nordhessischen Wirtschaftstages. Thema war der „Mehrwert Europas“ am Beispiel der Digitalisierung. Namenhafte Politiker wie Günther H. Oettinger und Mark Weinmeister sprachen zu Europa und Digitalisierung. Dr. Walter Lübcke vertrat die Region Nordhessen vor den über 100 Teilnehmern. Abgerundet wurde das Programm durch eine Betriebsbesichtigung der FingerHaus GmbH.
Günther H. Oettinger über die Digitalisierung und die Situation in Deutschland (Foto: Wirtschaftsrat)

Günther Oettinger, Kommissar für Haushalt und Personal der Europäischen Kommission, fand klare Worte zur digitalen Situation Deutschlands: „Beim Thema Digitalisierung treffen zwei Welten aufeinander: Big Data und Industrie 4.0. Die einen kommen aus dem Silicon Valley, die anderen finden sie auch hier.“ Seit zwei Jahren spreche man über das Thema, der Ausgang der Begegnung der beiden Welten sei noch offen. Sicher sei jedoch, dass Deutschland bei der digitalen Entwicklung nicht vorne liegt. „Bildung, digitale Qualifikation und der Binnenmarkt bestimmen wie erfolgreich die Digitalisierung in Europa aber auch in Deutschland verlaufen wird. Die digitale Infrastruktur ist die wichtigste Infrastruktur für uns und die nächste Generation. Wir reden nicht von 30-50 Megabit sondern von 1000 Gigabit und mehr“, konkretisiert Kommissar Oettinger das zaghafte Vorgehen der europäischen Staaten. 50 Milliarden Euro müssten in die digitale Infrastruktur investiert werden. 5G und Glasfaser seien die Zukunft. Die Zahl der Masten müsste verdoppelt oder verdreifacht werden. „Wenn Europa weiterhin mithalten will, dann muss es in digitale Bildung investieren. Im europäischen Arbeitsmarkt brauchen wir 18.000 IT-Spezialisten. Es gibt nicht einmal halb so viele Studienanfänger“, so der ehemalige Kommissar für Digitalisierung. Für die großen Marken sie dies kein Problem, für den namenhaften Mittelstand schon.

Die europäischen Staaten müssten dabei auf die europäische Gemeinschaft setzen. Ein Alleingang bringe spätestens an den geografischen Grenzen Probleme mit sich. Oettinger plädierte für ein ganzheitliches Modell, aber auch für einheitliche Datenstandards. Noch sei nicht entschieden, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern der Digitalisierung zählen wird. In der Welt von morgen brauche wir mehr Europa: „Wir haben in Europa nur zwei Arten von Staaten: Die einen, die klein sind, und die anderen, die wissen, dass sie klein sind.“

Mark Weinmeister referierte über die Römischen Verträge und das Brexit-Votum (Foto: Wirtschaftsrat)

Mark Weinmeister unterstrich in seinem Beitrag, die derzeitige Situation Europas. Im März 2017 feierten die Römischen Verträge 60-jähriges Jubiläum. 2013 gab es die letzte Erweiterung der EU, 2016 dann das BREXIT-Referendum. Der Paragraph hierzu im Vertrag von Lissabon sei einfach, fast schon lapidar und dennoch stellt er Europa vor den Scheideweg. „Europa steht vor einer nicht erwarteten Situation, Großbritannien hat das zweithöchste BIP aller EU-Mitgliedsstaaten. Deutschland verliert den wohl wichtigsten Partner, Hessen den fünfwichtigsten Handelspartner“, erläutert der Staatssekretär. Großbritannien habe ähnliche Werte, ähnliche Vorstellungen in der Haushaltsführung. Man müsse auf einen Modus vivendi kommen. Norwegen und die Schweiz könne man im Umgang mit Großbritannien nicht als Beispiel nehmen. Beide waren nie Mitglied der EU, zahlen aber dennoch ein und haben sich verpflichtet, die Europäischen Gesetze zu übernehmen. Beide Modelle passen nicht auf Großbritannien. In seltener Einigkeit hätten die verbleibenden Mitgliedsstaaten entschieden, erst müsse der Austritt geregelt werden, dann kann die zukünftige Situation geklärt werden. „Doch zuerst muss der Aufenthaltsstatus im Sinne der Menschen und Unternehmen geklärt werden“, so Weinmeister. Spannend bleibe, welche europäische Stadt nun das Rennen um den europäischen Finanzplatz mache. Frankfurts Chancen stehen gut. Doch ist vielen nicht bewusst, wie stark Londons Kraft hier ist. Frankfurt hat 70.000 Arbeitnehmer im Bereich Finanzen/Versicherung, London 700.000.

Die Beziehungen zu Großbritannien werden durch den BREXIT nicht komplett gekappt werden. Der Umgang muss jedoch ein Ergebnis haben. „Wenn Theresa May sag, ein schlechtes Abkommen sei schlechter als gar keines, kann Europa das nicht unterschreiben“, stellte Weinmeister klar. 

Betriebsbesichtigung der FingerHaus GmbH: Modernes Unternehmen in Nordhessen (Foto: Wirtschaftsrat)

An Weinmeisters Ausführungen über das Neudenken Europas knüpfte der Kasseler Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke an. Er sah einen klaren Auftrag bei den Politikern: „Wir müssen dazu beitragen, dass die Menschen Europa verstehen. Frieden und Freiheit sind Werte, die für unsere Gesellschaft erzielt wurden.“ Dr. Lübcke argumentierte anhand Erhards Wohlstandstheorie. „Grundlage unserer Stärke, unseres Wohlstandes ist die Soziale Marktwirtschaft. Danke an die Unternehmer und Unternehmen, dass Sie unternehmen. Dass Sie unsere Region so stark machen.“

 

Auch der Bürgermeister Frankenbergs hielt ein Grußwort und betonte die Verbundenheit der Region mit ihren Unternehmen. Durch den Tag führte Thorsten Sponholz, Mitglied im Sektionsvorstand Waldeck-Frankenberg. „Der Breitbandausbau in Nordhessen ist derzeit das größte Breitbandausbauprojekt Europas“, leitete Sponholz den 3. Nordhessischen Wirtschaftstag ein.

 

 

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Michael Dillmann
Landesgeschäftsführer
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