21. März 2017
Digitalisierung in Familienunternehmen
Experten diskutieren beim Wirtschaftsrat über digitale Strategien
In Deutschland sind es die Familienunternehmen, die das Rückgrat der Wirtschaft bilden und die über Jahrzehnte den Mythos „Made in Germany“ geprägt haben. Viele dieser Unternehmen blicken auf eine traditionsreiche Firmengeschichte zurück, die lange vor dem Digitalzeitalter begann. Um weiterhin erfolgreich und konkurrenzfähig zu bleiben, müssen sie sich voll und ganz auf die Digitalisierung einlassen.
Das Podium (Foto: Wirtschaftsrat)

Die Digitalisierung bedeutet für die Wirtschaft Herausforderung und Chance zugleich. Begriffe wie Industrie 4.0, Smart Services, Big Data, Cloud Computing oder Vernetzung stehen für den Umbruch ganzer Branchen und verlangen Unternehmen Anpassungsfähigkeit und Kreativität für neue, innovative Geschäftsmodelle ab.

 

Vor diesem Hintergrund hatte der Wirtschaftsrat Hamburg unter dem Titel „Digitalisierung in Familienunternehmen. Wirtschaftlicher Erfolg durch eine digitale Strategie“ zu einer Podiumsdiskussion in die gerade frisch bezogenen Räumlichkeiten der PricewaterhouseCoopers GmbH am Alsterufer eingeladen. An dem Podium nahmen teil: Michael Pachmajer, Direktor | PricewaterhouseCoopers GmbH, Georg E. Moeller, Senior Box Promotor | Protonet GmbH, Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor und Mitglied der Geschäftsführung | Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) und Christoph Wöhlke, Geschäftsführer | IWAN Budnikowsky GmbH & Co. KG. Dr. Hubert Baltes, Vorsitzender der Landesfachkommission Wachstum & Innovation, führte als Initiator der Veranstaltung durch den Abend und moderierte die Gesprächsrunde. Gastgeber Niklas Wilke, Partner bei PwC, begrüßte die rund 120 Zuhörer.

 

Keynotes

Bevor es in die Podiumsdiskussion ging, gab es eine kurze Keynote-Session. Henning Vöpel machte in seinem Vortrag deutlich, dass die Dimension der digitalen Veränderungsprozesse weit über technologische Aspekte hinausgeht. Er sprach von einer „Neuvermessung der Welt“ und erklärte, dass Innovationssysteme sowohl hinsichtlich der Strukturen als auch der Mentalitäten vor einem Umbruch stünden. „Digitalisierung bedeutet eine echte Systemtransformation“, so Vöpel. Bei dieser Transformation verliere das Erfahrungswissen an Wert, da man das Ausmaß und die Veränderungen durch die Digitalisierung gar nicht vorhersehen könne. Statt Strategie sei Agilität gefragt.

 

Michael Pachmajer warnte davor, dass die deutschen Familienunternehmen in der bzw. durch die Digitalisierung abgehängt werden. Trotz ihrer Führungsrolle als „Hidden Champions“ setzten derzeit lediglich 20 Prozent der familiengeführten Unternehmen eine digitale Agenda um. „50 Prozent sind unentschlossen und 30 Prozent warten ab.“ Dabei hätten die familiengeführten Unternehmen Stärken, die Pachmajer als enormen Vorteil in Zeiten der Digitalisierung sieht. Durch Nähe zu Produkten und die Produktfähigkeit ergebe sich im Gegenzug zu großen Onlinehändlern ein enormer Vorteil. Zudem existierten Familienunternehmen oft über mehrere Generationen und hätten somit Erfahrung mit Veränderungsprozessen.

 

Für Georg E. Möller ist die Digitalisierung kein „Entscheidungsprozess, sondern ein Infiltrationsprozess“, der mehr „Push als Pull“ ist. Man werde nicht mehr gefragt, sondern werde getrieben. Durch die Spuren, die ein jeder online hinterlasse, charakterisierte er die Digitalisierung als „irreversiblen Prozess“. Er nannte sieben Aspekte, die aus seiner Sicht die digitale Transformation begleiten: 1. Debatte, 2. Integrität, 3. Grundierung, 4. Intuition, 5. Transparenz, 6. Aufgeschlossenheit und 7. Leidenschaft.

 

Christoph Wölke verzichtete auf eine Keynote und stellte sich stattdessen in einem kurzen Interview den Fragen des Moderators Hubert Baltes. Dabei ging es um den Zusammenhang von Geschäftsmodell und Firmenkultur. Wöhlke betonte, dass alte Kulturen auf alten Geschäftsmodellen basierten und somit neue Kulturen entstehen müssten. Er charakterisierte die Digitalisierung als Fragestellung: „Welche Auswirkungen hat der technische Wandel auf mein Geschäftsmodell und wie schaffe ich es eine Firmenkultur zu schaffen, die diese Frage zulässt?“ Die Gleichung „App + Onlineshop = Digitalisierung“ sei keine Gleichung, die ein Unternehmen digitalisiere. Vielmehr sei es wichtig, eine Unternehmenstransformation zu vollziehen, um von der Produkt- zur Kundenzentrierung zu kommen. Um dies zu erreichen, sei eine klare Kommunikation und das Vertrauen in die Unternehmensführung elementar.

Impressionen
Niklas Wilke, Partner der PricewaterhouseCoopers GmbH, begrüße die Gäste im neuen Firmengebäude am Alsterufer (Foto: Wirtschaftsrat)
1 / 12

Podiumsdiskussion

HWWI-Direktor Henning Vöpel wandte sich in der Diskussion zunächst der Frage zu, wie in Zukunft die Innovationstätigkeit der deutschen Wirtschaft aussehen werde. Die Art und Weise, wie gewirtschaftet und Innovationen erzeugt würden, müsse komplett überdacht werden. Die lineare Innovationstätigkeit (Fokus auf Prozess- und Produktoptimierung) sei nicht mehr adäquat und werde durch Innovationssysteme ersetzt, die experimenteller, interdisziplinärer und kollaborativer seien. „Wir werden viel stärker das Prinzip von Versuch und Irrtum etablieren und in Teilen auch Patente aufgeben müssen. Das wird zu einer Frage der Überlebensfähigkeit der deutschen Wirtschaft“, so Vöpel.

 

Im Verlauf der Diskussion war die Notwendigkeit zu einem Paradigmenwechsel in der deutschen Wirtschaft ein zentraler Punkt. „Wir müssen aus dieser Ingenieurslogik heraus, dass das beste Produkt auch am Markt von uns produziert und hergestellt wird“, konstatierte Michael Pachmajer. Die Kundenzentrierung müsse viel stärker in den Vordergrund rücken. „Audi arbeitet in der Werbung für ein Auto hauptsächlich mit performancebezogenen Daten. Google wirbt hingegen kundenzentriert für das autonome Fahren.“ Dies sei der Paradigmenwechsel, der in Deutschland  vollzogen werden müsse.

 

Georg E. Moeller ergänzte in diesem Zusammenhang, dass die Angst vor Paradigmenwechseln in Deutschland sehr ausgeprägt sei. Dennoch müsse versucht werden, mit Dingen zu brechen. Wichtig dabei sei, auch eine Fehlerkultur zuzulassen. „Das Prinzip der Schuldsuche muss aufgegeben werden. Es hilft allen, wenn die Kraft, die in die Suche nach der Schuldfrage investiert wird, stattdessen in die Lösungsfindung fließt“, so Möller.

 

Danach gefragt, wie Unternehmen die digitale Transformation denn angehen müssten, kam Michael Pachmajer wieder auf die Kundenzentrierung zu sprechen. Es müsse viel mehr Zeit in das Verstehen der Probleme, der Wünsche und der Bedürfnisse der Kunden an der Schnittstelle zum Unternehmen investiert werden. „Dann werden wir weniger Zeit dafür brauchen, um Lösungen zu finden. Einfach, weil wir die Kunden immer besser verstehen durch die vorliegenden Daten. So sind wir als Unternehmen in der Lage, viel genauer die Bedürfnisse zu adressieren, viel individueller und personalisierter Produkte und Dienstleistungen anzubieten“, so Direktor von PwC.

 

Danach könne ein Geschäftsmodell entwickelt und die notwendigen Fähigkeiten aufgebaut werden, um die Probleme der Kunden zu lösen. Abschließend müsse man sich dann Gedanken darüber machen, welche Technologien und Prozesse zur Realisierung des Geschäftsmodells benötigt würden, erläuterte Michael Pachmajer. Am Anfang stehe aber immer der Kulturwandel im Unternehmen: „Das hat etwas mit Führungen zu tun, mit Familien, mit Eigentümern, die anfangen müssen anders zu arbeiten, anders zu denken und Wissen anders zu teilen“, bekräftigte er.

 

Einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Daten forderte daraufhin Georg E. Möller von Protonet. Nicht alles was möglich sei, dürfe auch gemacht werden. „Wir müssen ein System entwickeln, bei dem die Daten wirklich bei den Menschen bleiben. Sie sollen selbst entscheiden, ob es ihnen egal ist, was mit ihren Daten passiert“, so Möller.

 

Michael Pachmajer stimmte dem zu und wies darauf hin, dass dies ein weiterer Punkt einer fehlgeleiteten politischen Diskussion über Datenschutz sei. Niemand rege sich darüber auf, dass Großkonzerne Monopole und Oligopole ausbildeten. Die Gesellschaft solle viel mehr darüber diskutieren, was wäre, wenn Maschinen Entscheidungen träfen, die vorher von Menschen getroffen wurden. Wertschöpfung werde zum ersten Mal nicht mehr durch die Arbeitskraft von Menschen allein generiert, sondern durch Daten. Auch der Arbeitsbegriff und die Selbstdefinition des Menschen müssten viel stärker im Fokus stehen, wenn die Wertschöpfung über Daten Ausmaß erreichten, das die Arbeit des Menschen in vielen Bereichen überflüssig mache.

 

Im Weiteren lenkte der Moderator Hubert Baltes die Diskussion auf die Gewinnung von Arbeitskräften und den Umgang der Unternehmen mit den Erwartungen der sogenannten Digital Natives, z.B. in puncto Arbeitsplatzmobilität.

 

„Das ist ein kultureller Wandel, mit dem man einfach leben muss. Wir müssen lernen, damit umzugehen, dass Mitarbeiter eine Zeit lang bei uns sind und dass sie danach das Unternehmen wieder verlassen“, erläuterte der Unternehmer Christoph Wöhlke. Mittlerweile gebe es sehr viele junge Leute, die genau hinschauten, wo sie arbeiten wollen. Eine wichtige Rolle spiele dabei das Arbeitsumfeld, die Durchlässigkeit der Organisation und der Zugang zu Projekten. Die Bezahlung sei hier eher zweitrangig. Michael Pachmajer ergänzte, dass auch die Individualisierung der Arbeit und das Abschaffen von Standardprozessen wichtig seien, um attraktiv für Mitarbeiter zu sein.

 

Abschließend erläuterte Henning Vöpel den Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Produktivität: „Wir stehen vor einem Zeitalter der Vernetzung. Und diese Vernetzungssysteme haben immer den Vorteil, dass wir riesige Effizienzgewinne generieren können. Digitale Innovationen, die Bildung von Plattformen, künstliche Intelligenz, Algorithmen usw. werden unsere Produktivität steigern und das wird vor allem mit arbeitssparendem, technischem Fortschritt vonstattengehen.“

 

Nach dem Podium hatten die Zuhörer Gelegenheit, Fragen an die Diskutanten zu richten. Dabei ging es im Wesentlichen um die Zukunft des Hochschulstandortes Hamburg im Kontext der digitalen Transformation und um die Frage, wie das komplexe Thema Digitalisierung für den „Normalbürger“ verständlicher gemacht werden kann.

Das Schlusswort übernahm der Generalsekretär des Wirtschaftsrates, Wolfgang Steiger: „Wir stehen am Fuße der Revolution und die Aufgabe der Politik wird es sein, diese Revolution menschlich zu machen.“ Es sei dringend notwendig, die gesamte Bevölkerung mit auf den Weg der Digitalisierung zu nehmen. Gleichzeitig appellierte er an die Politik, mehr Mut bei der Investition in neue Technologien zu zeigen.

 

Bei hervorragender Aussicht über die Binnenalster lud die PricewaterhouseCoopers GmbH anschließend zum Get-together mit kleinem Imbiss ein.

Kontakt
Christian Ströder
Referent für Wirtschaftspolitik
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg
Telefon: 040/ 30381049
Telefax: 040/ 30381059