09. Oktober 2017
Energie-Klausur Baden-Württemberg | 2017
"Eine Ideologisierung hilft uns nicht weiter"
Potenziale und Herausforderungen in der Energiewirtschaft
Wer die Energiewende schaffen will, muss marktwirtschaftlicher und technologieoffener denken. Das war Konsens bei der Energie-Klausur Baden-Württemberg des Landesverbands in Sindelfingen. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Frage: Wo kommt künftig die Energie her, die etwa für die Elektromobilität benötigt wird, wenn zugleich Kapazitäten abgebaut werden?
Eckard Veil, Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge, Dr. Karl Peter Hoffmann, Andreas Lücke (Foto: WR)

Klausur-Gastgeber Dr. Karl Peter Hoffmann, Geschäftsführer der Stadtwerke Sindelfingen, warnte mit Blick auf die kommenden Koalitionsverhandlungen vor einem „Weiter so“ in der Energiepolitik: „Es wird zu sehr auf Strom gesetzt“, sagte er. Würden Elektromobilität und Heizungen, wie von der Politik skizziert, künftig primär über Stromnetze versorgt, reichten die Kapazitäten nicht aus. „Das bedeutet einen Neubau des Stromnetzes“, sagte Hoffmann. Das aktuelle Netz sei auf einen Verbrauch von 1,3 kW pro Haushalt ausgelegt. Ein Tesla benötige 150 kW pro Ladevorgang. In einem Wohngebiet mit 400 Haushalten bedeute das: „20 Schnellladungen, dann wird’s dunkel.“

 

Derzeit ließen sich die Niederspannungsnetze nicht steuern, Verbraucher könnten nicht abgeschaltet werden. Auch sei unklar, wo die erforderlichen neuen Transformatoren in Städten gebaut werden könnten. Der Stadtwerke-Chef warnt daher: „Wir müssen das Thema durchdenken und uns Zeit nehmen.“

Prof. Dr. Marc Bettzüge bei seinem Vortrag (Foto: WR)

Klimaziel unrealistisch?

In zwei Keynotes und einer abschließenden Podiumsdiskussion wurden bei der Energie-Klausur aktuelle Themen rund um Energiewirtschaft, -markt und -politik diskutiert. Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln, kritisierte die bisherige Energiepolitik der Bundesregierung. Es gebe „kein Verständnis wie Energieversorgung in Deutschland langfristig aussehen soll“. Das Ziel, bis 2050 auf minimale CO2-Emissionen zu reduzieren, sei durch keine seriöse Studie als realistisch bestätigt worden.

 

Die Flächenpotenziale in Deutschland seien begrenzt, beim Import stellten sich Fragen nach Abhängigkeit und Umweltverträglichkeit. „Soll die Energie etwa aus Kohle- und Kernkraftwerken der europäischen Nachbarn kommen?“, fragte Bettzüge. Er sieht synthetische Brennstoffe als wichtigste Alternative zum Strom, der aktuell zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde: „Die Schlüsselfrage ist, ob Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen kann, wenn die Preise für diese Brennstoffe zu hoch sind. Wir brauchen hier funktionierende Weltmärkte, wenn das Pariser Abkommen umgesetzt werden soll.“

 

Bettzüge fordert für die anstehenden Koalitionsverhandlungen eine „seriöse Debatte über die Zielarchitektur der Energiepolitik“. Statt eines „Blumenstraußes von Zielen“ sei es sinnvoll, sich auf die CO2-Reduktion zu konzentrieren. Diskutiert werden sollte auf Basis einer seriösen Datengrundlage, die zeige, was die Klimaziele in der Praxis bedeuteten. Offene Fragen müssten identifiziert und thematisiert werden. „Auf dieser Basis muss dann auch die aktuell fehlende Diskussion über einen Lastenausgleich erfolgen“, sagte Bettzüge. Die Energiewende belaste vor allem Menschen mit geringerem Einkommen. Darin stecke sozialer Sprengstoff, daher müsse der Staat den Wandel auch finanziell stützen.

BDH-Geschäftsführer Andreas Lücke (Foto: WR)

Andreas Lücke, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie e.V., sprach unter anderem das Thema der veralteten Heizungen an. Es gebe in Deutschland noch 5,8 Millionen Öl-Brennwertkessel und Ölkessel. „Die können nicht alle durch Biomasse und Wärmepumpen ersetzt werden“, sagte Lücke. Er sieht ein Einsparpotenzial von 15% des deutschen Energieverbrauchs durch Investitionen in moderne Heizungsanlagen. Es mache daher Sinn, wenn diese vom Staat gefördert würden.

 

Mit Blick auf die Energiewende sagte Lücke: „Eine Ideologisierung hilft uns nicht weiter.“ Die vorgegebenen Ziele ließen sich nur durch technologieoffene Alternativen und eine Senkung des Verbrauchs erreichen: „Wir müssen effiziente Lösungen bevorzugen, die schnell CO2 reduzieren. Das Fazit der Energie-Klausur zog Moderator Eckard Veil, Vorsitzender der Landesfachkommission Energie des Wirtschaftsrats: „Wir brauchen eine marktwirtschaftliche, innovative und effiziente Neuausrichtung der Energiewende.“