17. August 2015
Energiewende: Versorgungssicherheit in Baden-Württemberg in Gefahr
Landesfachkommission Energie zu Gast bei der Karl Casper GmbH & Co. KG. Positionspapier verabschiedet. Kritische Diskussion zur Energiewende.
Energieintensiver Schmelzvorgang bei der Karl Casper GmbH (Foto: WR)

Till Casper, Inhaber der Gießerei Casper in Remchingen, hatte kein Vertrauen mehr in die Energieversorgung seines Unternehmens. Weil „die Stromqualität abnimmt und der Preis derweil steigt“ beabsichtigt die Firma Stromspeicher, sogenannte Cell Cubes, zu installieren. „Wenn während des Schmelzvorgangs der Strom eine Stunde ausfällt, muss das gesamte Material samt Tiegel entsorgt werden.“ Dieses Risiko mochte er nicht mehr tragen und warnt deshalb: „Die Versorgungssicherheit ist in Gefahr.“ Auch darüber hinaus sieht er klare Wettbewerbsnachteile für den Mittelstand in Baden-Württemberg.

 

Casper stellte den Energie-Fachleuten des Wirtschaftsrats Baden-Württemberg sein Unternehmen, dessen Herausforderungen und Lösungen vor. Die Gießerei beschäftigt rund 100 Mitarbeiter und stellt Produkte sowohl für den Werkzeugmaschinenbau als auch für den Sondermaschinenbau her. Darüber hinaus fertigt das mittelständische Unternehmen Kunstguss und betreibt einen eigenen Modellbau. Das Schmelzen des Gusswerkstoffes erfolgt elektrisch – wodurch der Stromverbrauch sehr hoch ist.

 

Die Mitglieder der Landesfachkommission Energie informierten sich vor Ort wie Energieeffizienz in einem mittelständischen Unternehmen umgesetzt werden kann. Malte Lüking, Technischer Geschäftsleiter, veranschaulichte dies anhand des Projekts „Casper 4.0“, mit dem sich die Gießerei der Zukunft stellt. In den letzten fünf Jahren wurden alle Produktionsanlagen mit einem Zentralrechner vernetzt, der einerseits alle Störungen zentral erfasst und andererseits zur Energieeffizienz dient. Hier können automatisiert Hallenbeleuchtungen, die Absauganlagen und  alle anderen Aggregate den Arbeitsschichten entsprechend zu- und abgeschaltet werden. Zusätzlich  werden Daten über Sentron-Geräte erfasst, die in entsprechender Software ausgewertet werden und somit die Grundlage für weitere Einsparmaßnahmen bildet. „Um auch in Zukunft gerüstet zu sein und den Stromschwankungen durch alternative Energien entgegenzuwirken, wird das System so ausgelegt, dass durch entsprechende Stromspeicher, Spannungsspitzen, Netzschwankungen und sogar kurzfristige Netzausfälle abgefangen werden können“, erklärt Lüking.

 

Kritisch diskutiert wird von der Landesfachkommission daher die Zuverlässigkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der künftigen Stromversorgung in Baden-Württemberg. Denn selbst in der vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg in Auftrag gegebenen Studie (Kurzstudie zur Kapazitätsentwicklung in Süddeutschland bis 2025 unter Berücksichtigung der Situation in Deutschland und den europäischen Nachbarstaaten) heißt es: „Im pessimistischen Fall könnte es in Süddeutschland trotz der berücksichtigten Übertragungskapazitäten bereits 2018 (ohne Berücksichtigung der Reservekraftwerksverordnung bereits 2017) zu Versorgungsengpässen kommen.“ Also bereits in drei Jahren.

 

Der Wirtschaftsrat warnt schon seit geraumer Zeit vor dieser Entwicklung. Die Landesfachkommission Energie, unter Vorsitz von Dr. Markus Binder (Mitglied des Vorstands der Grosskraftwerk Mannheim AG), verabschiedete im Rahmen ihres umfangreichen Ergebnispapiers „Zukunftsgerichtete Energie- und Klimapolitik für den Wirtschafts- und Industriestandort Baden-Württemberg“ vier Handlungsempfehlungen:

1. Energiepolitische Ziele, Zeitachse und Zweckmäßigkeit der Maßnahmen überprüfen!

2. Deutsche Energiepolitik stärker in das europäische Umfeld einbinden!

3. Förderung in Richtung auf technologieoffene Speicherforschung und Effizienztechnologien umorientieren!

4. Dirigistische Markteingriffe durch auf Markt- und Umweltbedingungen angepasste und stabile politische Rahmenbedingungen ersetzen!