12. März 2015
Familienunternehmen vor Substanzverzehr schützen
Handelsblatt

Werner M. Bahlsen fürchtet einen Angriff auf Familienunternehmen durch die Erbschaftsteuer.

Die Debatte um die Erbschaftsteuer läuft in die falsche Richtung. Steuertechnik und Neiddiskussion, statt wirtschaftlicher Stabilität und Achtung des Eigentums stehen im Mittelpunkt. Der Erhalt von Arbeitsplätzen und eine gesunde Unternehmensstruktur waren vor sieben Jahren die Grundintention einer breiten Bundestags- und Bundesratsmehrheit. Das Bundesverfassungsgericht hat die Verschonungsregelung für Betriebsvermögen im Kern bestätigt – und damit die ursprüngliche Absicht des Gesetzgebers. Warum also versucht nicht einmal mehr das CDU-geführte Bundesfinanzministerium, die  vielen Arbeitgeber in Deutschland in Familienhand vor einem Substanzverzehr zu schützen?

Wir wissen, zwischen der Reform 2008 und heute lag die Finanzkrise. Durch sie ist die Stimmung zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gekippt! Aber sind Familienunternehmer die richtigen Adressaten, um den Frust gegen Spekulationen und die Sozialisierung der immensen Folgekosten dieser Verantwortungslosigkeit auszulassen? Ich sage dazu klar Nein, denn Familienunternehmen haben sich nicht an diesen Spekulationen beteiligt, weil sie für alles, was sie tun, mit ihrem Vermögen haften.

Wer ein Familienunternehmen erbt, erwirbt zuerst eine Verpflichtung und dann erst ein Vermögen. Diese Verantwortung prägt die über 90 Prozent eigentümergeführten Betriebe in Deutschland. Diese Bindung der Familie an die Firma wirkt auf beide Seiten, Betrieb wie Familie, so tiefgreifend wie bei keiner anderen Anlageform. In Familienunternehmen, die mindestens einmal weitergegeben worden sind, hat Priorität, das gemeinsame Generationenvermögen in mehr als nur materieller Hinsicht zu mehren. Das höre ich von vielen Unternehmensnachfolgern. Das ist auch unser Anspruch als Familie Bahlsen. Schwarze Zahlen sind dabei überlebensnotwendig und wir müssen uns immer wieder an veränderte Bedingungen anpassen. Aber wir entscheiden nah an der Realität unserer Betriebe und Branche, nicht nach Rendite-Vorgaben von Analysten an fernen Bildschirmen.

Die „Gegenwelt“ auf internationalen Finanzmärkten lebt zum Teil bis heute: mit geringstem Eigenanteil und viel billigem Fremdkapital größtmögliche Hebel zu betätigen, um schnelle Gewinne mitzunehmen – und weiterzuziehen. Familienunternehmer setzen dagegen auf eine solide finanzielle Substanz, halten ihre Abhängigkeit von Banken gering und wollen den Betrieb für die nächste Generation erhalten. Familienmitglieder werden bei Gewinnausschüttungen knapp gehalten und alle Anteile durch Gesellschafterverträge dauerhaft an das Unternehmen gebunden. 

Heute ist „The German Mittelstand“ weltweit Vorbild. Denn gerade durch die gesunde Wirtschaftsstruktur aus kleinen, mittleren und großen Betrieben in Familienhand ist unser Land viel besser als andere Länder aus der Finanzkrise hervor gegangen. Knapp 13.000 Unternehmen, die überwiegende Mehrheit davon Familienbetriebe, beschäftigen über 250 Mitarbeiter. Sie machen zwar nur einen Anteil von 0,35 Prozent aller Unternehmen aus, sichern aber 44 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze. Die deutsche Politik zeigt sich stolz und lobt unsere Unternehmensform landauf landab. Dennoch wurde auch sie von einer latenten Wirtschaftsskepsis erfasst, die wenig unterscheidet zwischen Unternehmern und Anlegern.

Wenn Unternehmens-Erbschaften ab 20 Millionen Euro einer Bedürfnisprüfung unterzogen und besteuert werden sollen, beträfe dies das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Auch Bahlsen wäre betroffen, wenn wir unsere Nachfolge im Unternehmen nicht schon länger geregelt hätten. Aber der Gesetzgeber muss die Fernwirkungen niedriger Grenzwerte bedenken: Um die Erbschaftsteuer zu bezahlen, müssten Eigentümer über größere Zeiträume höhere Ausschüttungen beschließen und anlegen oder auf einen Schlag bis zur Hälfte des Eigenkapitals entnehmen. Sinkende Investitionen und Bonität bei Banken folgen. Und manche Erben werden sich lieber für einen frühzeitigen Verkauf entscheiden und eine immense, aber zu wenig wertgeschätzte Verantwortung abgeben.

Die massive Vermehrung billigen Geldes hat zu Billionen-Summen geführt, die auf gute Anlagen im „sicheren Hafen“ Deutschland warten. Falsche Weichenstellungen bei der Erbschaftsteuer können schnell einen Schlussverkauf unter Familienunternehmen einleiten. Dann entscheiden weniger die Eigentümer über immer mehr unserer Arbeitsplätze, sondern Private Equity Firmen und Analysten an ihren Bildschirmen. Ob solch ein Szenario eintritt, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden.

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