25. August 2010
Fokus Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Chancen für Betroffene und die Gesundheitswirtschaft
Juniorenkreis Berlin-Brandenburg diskutiert mit Experten
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland etwa 400.000 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Vor allem ältere Menschen sind betroffen. Angesichts der steigenden Lebenserwartung und der wachsenden Anzahl chronischer Herzerkrankungen ist mit einer weiteren Zunahme der Zahlen zu rechnen.

Die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht in der Gesetzlichen Kranken-versicherung in Deutschland hohe Kosten: jährlich 36 bis 37 Milliarden Euro. Die Chancen, die sich durch eine effektive medikamentöse Therapie für Betroffene sowie die Gesundheitswirtschaft bieten, wurden auf einer Podiumsdiskussion des Juniorenkreises Berlin-Brandenburg von Vertretern aus Industrie, Politik und Wissenschaft unter der Moderation von Sandy Katzer, Geschäftsführerin von BMMC BerlinMed Medical Consulting GmbH, disku-tiert. 

„Würden Medikamente effektiver und in größerem Umfang zum Einsatz kommen, ließen sich die Folgekosten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich reduzieren“, sagte Dr. Wolfhard Erdlenbruch, Medizinischer Direktor der Daiichi Sankyo Deutschland GmbH aus München. Denn zu den Ausgaben für Diagnostik und Behandlung kommen noch die Aufwendungen für die Rehabilitation der Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten hinzu, die nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus weiterhin betreut werden müssen.

„Viele stationäre Aufenthalte ließen sich vermeiden, Leben retten und Kosten senken, wenn wir die Therapietreue bei Medikamenten erhöhen könnten. Eine Therapie von 500 Euro im Jahr könnte einen Patienten vor einem Reinfarkt bewahren, der in der Klinik Kosten bis zu 6000 Euro nach sich ziehe“, rechnete Erdlenbruch vor. Die Kostenträger sollten sich das Gesamtbild anschauen, anstatt einseitig die Arzneimittelkosten zu drücken, so Erdlenbruch. 
Dass die Therapietreue ein entscheidendes Thema bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, bestätigte auch Dr. Michael Thiede, Leiter des Bereichs Versorgungsforschung vom IGES Institut in Berlin: „Besonders für alte Patienten, die häufig viele unterschiedliche Präparate einnehmen müssen, ist die Therapie oft zu kompliziert. Das ist einer der Hauptpunkte, warum sie die Medikamente teilweise gar nicht nehmen.“ 

Kombinationspräparate würden den Menschen das Leben erleichtern und gleichzeitig Kosten senken. 
Thiede appellierte, dass viel mehr Primärforschung mit den Patienten erforderlich wäre, um die Gründe für etwa die häufigen und raschen Reinfarkte zu analysieren. 

Stefanie Vogelsang, Mitglied der CDU/CSU-Fraktion und des Ausschusses für Gesundheit im Deutschen Bundestag, kritisierte, dass Deutschland neben Griechenland das einzige Land in der Europäischen Union sei, welches keinen nationalen Rahmenplan zu den Herz-Kreislauf-Erkrankungen habe. „Um die Erkrankungszahlen der Menschen und damit auch für die Kassen niedrig zu halten, bedarf es eines zentralen Plans, was in einem weiter gesteckten Zeitrahmen erreicht werden soll“, so die Empfehlung von Vogelsang. Die Bemühungen zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten gebündelt werden, um staatliche und privatwirtschaftliche Maßnahmen von Firmen zentral zu koordinieren. 

Problematisch sei zudem, so Vogelsang, dass das Bundesministerium für Gesundheit, nicht einmal in der Versorgungsforschung die Federführung besitze, sondern diese beim Bundesministerium für Bildung und Forschung liege. 

Der Juniorenkreis Berlin-Brandenburg organisiert in regelmäßigen Abständen Veranstaltungen zum Thema Gesundheitswirtschaft.