26. Januar 2017
Frankfurt hat das Zeug zur neuen europäischen Finanzcity
Namensbeitrag von Wolfgang Steiger in der Börsenzeitung

Dublin, Frankfurt, Amsterdam, Luxemburg oder Paris – das sind die Metropolen, die in Finanzkreisen als „Nachfolger“ Londons in der Europäischen Union (EU) gehandelt werden. Schon mit dem Ausgang des Referendums haben Banken wie Morgan Stanley oder JP Morgan begonnen Hunderte Mitarbeiter aus der City abzuziehen. Andere Häuser wie HSBC, UBS und Goldman Sachs planen Tausende Angestellte mit dem tatsächlichen Austritt des Vereinten Königreichs aus der EU auf den Kontinent umzusiedeln. Hintergrund: Im Falle eines „harten Brexits“ wie ihn Premier Theresa May mit ihrer „Global Britan“-Strategie angekündigt hat, müssen Banken den Verlust der Passporting Rights fürchten. Sie erlauben den in London ansässigen Finanzinstituten ihre Produkte in ganz Europa zu verkaufen, ohne dass sie vor Ort eigene Niederlassungen haben müssen.

 

Der Brexit wird die tektonischen Platten auf den Finanzmärkten verschieben. Es ist schwer vorstellbar, dass Handel, Abwicklung und Verwahrung von in Euro denominierten Wertpapieren außerhalb der EU eine Zukunft haben. Rund 100.000 Arbeitsplätze stehen allein im Clearing-Geschäft auf der Kippe schätzen Marktexperten. Trotzdem wird London ein sehr bedeutender Finanzplatz bleiben: ein Teil des Geschäfts wird jedoch aus der City abwandern und sich eine neue Heimat suchen. Das kann eine große Chance für Deutschland sein. Wenn wir sie auch ergreifen! Dafür müssen wir Deutschen uns, allen voran unsere Vertreter in Europa, die Bundesregierung, die hessische Landesregierung, aber auch die Wirtschaft, mit Leidenschaft für einen Finanzplatz Frankfurt einsetzen und Politik und Wirtschaft einen offenen Dialog führen. Ein starker Finanzplatz ist zentral für unsere Wirtschaft und neue Arbeitsplätze.

 

Zweifellos sprechen viele Fakten für einen starken Finanzplatz Frankfurt: Dort ist das Tor zur größten Volkswirtschaft Europas und zugleich das europäische Zentrum für Regulierung und der Sitz der Europäischen Zentralbank sowie mit dem größten Internetknoten der Welt auch der digitale Hotspot. Die Mainmetropole besticht zudem durch ihre gute Erreichbarkeit in der Mitte Europas und die hervorragende Verfügbarkeit an Arbeitskräften.

 

In der Wahrnehmung im Ausland fehlt Frankfurt jedoch gegenüber Paris der rechte Glamour, gegenüber Dublin, Amsterdam oder Luxemburg die besseren Bedingungen im Arbeits- und im Steuerrecht. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir Deutschen unseren Hut in den Ring werfen und zeigen, dass wir es ernst meint: Für die Politik heißt das, sich schnell von bürokratischen, im Ausland unbekannten Hürden zu verabschieden und stattdessen europäische Standards zu etablieren. Wichtig wäre etwa die Einführung eines befreienden IFRS-Einzelabschlusses oder die Abschaffung der AGB-Kontrolle im kaufmännischen Geschäftsverkehr. Die Konkurrenz schläft nicht. Sie winkt bereits mit allerlei Vorteilen und auch London versucht zu halten, was zu halten ist. Das heißt aber auch, dass wir Deutschen klar signalisieren, dass uns Unternehmen und Dienstleistungen aus dem Vereinigten Königreich willkommen sind.

 

Der Einsatz des Bundesfinanzministeriums und der hessischen Landesregierung, die europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA nach Frankfurt holen zu wollen, ist richtig.

Auch über Grundsätzliches wie die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und Besteuerung hierzulande müssen wir offen reden. Beides sind zentrale Standortfaktoren. Dazu gilt es, die im europäischen Durchschnitt von der OECD als hoch eingestufte Steuerbelastung für Unternehmen unter die Lupe zu nehmen, die gerade im angelsächsischen Raum schwer zu vermitteln ist. Fragen müssen wir uns auch, ob wir uns einen Wettbewerbsnachteil einhandeln wollen, weil wir die Bankenabgabe als einer der wenigen Staaten nicht für abzugsfähig erklären?

 

Wenig verständlich für ausländische Investoren ist auch der starre Kündigungsschutz in Deutschland. Die strikten Regeln auch für Top-Mitarbeiter sind für angelsächsische Konzerne schon mentalitätsbedingt ein „no go“. An diese Stelle könnte ein Wahlrecht flexibler Abfindungsoptionen treten: Im Arbeitsvertrag werden Abfindungsinstrumente und –summen vereinbart. Mit Blick auf den Finanzplatz müssen sich doch gerade Gutverdiener nicht fürchten, bei einer solchen Regelung schutzlos durch die Maschen des Sozialstaats zu fallen.

Ein weiteres Argument für Frankfurt ist, dass wir in Deutschland nicht schlecht aufgestellt sind, wenn es um den Transformationsprozess durch die Digitalisierung geht. Die Bankenbranche ist hier ein wichtiger Vorreiter. Nicht umsonst gilt London als die Hauptstadt der Fintechs in Europa. Auch in Frankfurt siedeln sich immer mehr junge Unternehmen aus der Finanztechnologie an.

 

Wenn es gelingt, Berlin als eine der dynamischsten Start-Up-Szenen in Europa mit einer vitalen Tech-Szene, noch stärker mit Frankfurt zu vernetzen, kann Deutschland zum Magnet für FinTechs werden – Innovationsschübe und wertvolle Arbeitsplätze inklusive.

Eine überragende Möglichkeit bietet nach dem Brexit auch die geplante Fusion von Deutscher Börse und Londoner Stock Exchange. Während andere Brücken zwischen Europa und dem Vereinigten Königreich gekappt werden, entsteht hier eine neue, welche die beiden stärksten europäischen Volkswirtschaften und ihre Kapitalmärkte verbindet. Rein der Logik folgend, hätte eine starke europäische Börse ihren Hauptsitz in der EU. Alle für den Finanzplatz Frankfurt relevanten Akteure sollten deshalb ein deutliches Signal setzen, dass sie die Herausforderungen und Chancen des Brexits entschlossen annehmen.

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