28. November 2016
Gentechnik verstehen
Fakten statt Mythen
Fakten statt Mythen in Sachen Grüner Gentechnik thematisierte jüngst die Sektion Rottweil/Tuttlingen. Goldener Reis könne Millionen Menschenleben retten, was seit über zehn Jahren durch Ökolobbyisten verhindert werde, sagte Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen vom Institut für Pflanzengenetik der Leibniz Universität Hannover. Gastgeber war Familie Benne auf dem Bihrenberghof in Frittlingen.
Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen, Institut für Pflanzengenetik, Leibniz Universität Hannover (Foto: WR)

Beeindruckt zeigten sich die Unternehmer vom landwirtschaftlichen Betrieb. Entscheidend für den heutigen Erfolg sei die Aussiedlung auf den Bihrenberg gewesen, was Paul und Renate Benne vorangetrieben hatten. Christian Benne präsentierte die fast vollautomatisierte Milchviehhaltung mit Melkroboter und Zitzen-Erkennung, den die Kühe bei Bedarf selbst betreten. „Was wir als Industrie 4.0 bezeichnen, ist auf dem Bihrenberghof schon Wirklichkeit“, so Dr. Martin Leonhard, Sektionssprecher des Wirtschaftsrats. Steffen Benne, der ältere der beiden Brüder, ist dort für die Biogasanlage verantwortlich, die laut Jacobsen zur „weißen Biotechnologie“ gezählt werde.


Ökoaktivisten verhindern positive Kennzeichnung
Unter Grüner Gentechnik verstehe man Pflanzenbiotechnologie, die heute in über 70 Prozent der Lebensmittel Eingang gefunden habe. Interessant sei, „dass Grüne, Greenpeace & Co. eine positive Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel ablehnen und blockieren.“ Die Lebensmittelindustrie hätte mit so einer Kennzeichnung kein Problem. Die demokratisch oft nicht legitimierten Ökoaktivisten ritten lieber auf einer Angstwelle, statt wissenschaftliche Fakten zur Kenntnis zu nehmen, so der Biologe, der nach verschiedenen Positionen in Deutschland, heute an der Northeastern University in Boston lehrt.  
Doch zunächst erläuterte Jacobsen die Notwendigkeit Grüner Gentechnik. 2050 wird eine doppelt so hohe Lebensmittelproduktion erforderlich sein, um bei wachsendem Wohlstand auch in ärmeren Teilen der Welt genügend Nahrung für erwartete 10 Milliarden Menschen zu erzeugen. Allein in China habe sich der Fleischkonsum in 20 Jahren fast verfünffacht. Zudem werde die Wasserverfügbarkeit für die Landwirtschaft global sinken.

Alle pflanzlichen Nahrungsmittel, die wir heute kennen, seien durch Züchtung über Jahrtausende zu den bekannten Kulturpflanzen geworden. Die Gene der Pflanzen hätten sich entsprechend über die Zeit verändert, da diese den Bauplan der Pflanze speichern. „Diese Zeit haben wir heute nicht mehr, um Pflanzen ertragreicher, dürreresistenter oder widerstandsfähiger zu machen“. „Die moderne Gentechnik erlaubt uns ganz gezielt Pflanzen weiterzuentwickeln.“ Sicherheit stehe dabei an erster Stelle, damit die neue Pflanze für den Verzehr geeignet ist. Selbst allergenes Potential könne erkannt und von der Züchtung ausgeschlossen werden. Die Anforderungen einer Marktzulassung seien ähnlich hoch wie bei Arzneimitteln. Deswegen könnten solche Forschungen auch nur durch staatliche Förderung oder durch große Firmen gestemmt werden. Viele hochwertige Studien zeigten, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel sicher sind. Bei 70 Prozent Marktdurchdringung ließe sich das Gegenteil nicht verheimlichen. Gesundheitliche Gefahren seien schlicht nicht nachweisbar.
Heute wisse man, dass vor 8.000 Jahren bakterielle Gene die Süßkartoffel erst zu einem relevanten Lebensmittel gemacht haben - Methoden, die heute wirtschaftlich nutzbar gemacht werden könnten. Dass aus Wildkohl Brokkoli, Blumenkohl und Co. gezüchtet wurden, schätzten wir heute als Vielfalt. „Natürlich“ sei diese Entwicklung nicht gewesen.
Goldener Reis

Goldener Reis

UNICEF gebe an, dass Vitamin-A-Mangel für jährlich 1-2 Millionen verhinderbare Todesfälle verantwortlich ist. Seit 2002 sei der aufgrund seiner Farbe benannte „Golden Rice“ von Forschern aus Zürich und Freiburg fertig entwickelt. 40 Gramm täglich von diesem Reis genügten, um den Vitamin-A-Mangel durch Nahrung in unterentwickelten Ländern auszugleichen. Selbst der Segen von Papst Franziskus habe bisher noch nicht gereicht, dass dieser gentechnisch veränderte Reis zugelassen wurde, erklärte Jacobsen. Aktuell hätten 121 Nobelpreisträger dies als „Verbrechen gegen die Menschheit“ gegeißelt, ein Aufruf, der von den Medien in Deutschland weitgehend ignoriert worden sei.
Jacobsen forderte, die öffentliche Forschung auf dem Gebiet der Gentechnik wieder stärker zu fördern und wissenschaftlich nachvollziehbare Kriterien bei der Zulassung zugrunde zu legen. Außerdem warnte er vor den simplen Botschaften von Greenpeace & Co., die oft plump wahrheitswidrig seien.
Während der anschließenden Diskussion kritisierte Leonhard auch die CDU in Baden-Württemberg, die grüne Gentechnik im Land ausschließe.