15. September 2020
"Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft ist unter starkem Druck.”
Wo befindet sich die deutsche Wirtschaft nach einem halben Jahr der Corona-Krise? Ist das deutsche Vorkrisen-Geschäftsmodell noch zeitgemäß? Diese Fragen beantwortete Prof. Dr. Peter Bofinger als Gast des „Mitteldeutschen Wirtschaftsdialoges des Wirtschaftsrates“ am 15. September 2020.
Foto WR: Prof. Bofinger

In der Veranstaltungsreihe der mitteldeutschen Länder ging Prof. Dr. Peter Bofinger von der Universität Würzburg auf den IST-Zustand nach einem halben Jahr der Pandemie ein. Obwohl sich Deutschland in einer zweiten Welle befinde, sei die Relation zwischen der Zahl der Neuinfektionen und der Zahl der Todesfälle nicht mehr erkennbar. Trotzdem sei ein Wirtschaftseinbruch für 2020 zu erwarten, der deutlich stärker als zur Finanzkrise 2009 ausfallen wird.

Der Einbruch lässt die Wirtschaft in voller Breite erfassen. Das Zusammenspiel zwischen einem Angebots- und einem Nachfrageschock zeichne die Corona-Krise einzigartig in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte aus. Demgegenüber seien schnelle und konzertierte Maßnahmen seitens der Bundesregierung zur Sicherung der Liquidität, Solvenz und der Stimulierung der Nachfrage richtige und erfolgsversprechende Reaktionen gewesen. Prof. Bofinger merkte an dieser Stelle an, dass aus seiner Sicht gezielte Maßnahmen zur Konsumbelebung besser gewesen wären als eine allgemeine Senkung der Mehrwertsteuer und der Auszahlung eines Kinderbonuses. Trotzdem zeigen die Maßnahmen aus “Bazooka” und “Wumms” erkennbare Verbesserungen und lasse die Hoffnung wachsen, dass die Krise in einem “V” verlaufen könne.

Insgesamt sei festzustellen, dass die Corona-Krise wie ein Brandbeschleuniger auf das zuvor unter Druck geratene deutsche Wirtschaftsmodell zu werten sei. Der starken Exportorientierung wirken Protektionismus und De-Globalisierung entgegen, der starken Industrieorientierung der Trend zur Digitalisierung und Dekarbonisierung. Der starke Fokus auf den Automobilsektor werde durch neue Mobilitätskonzepte und neue Antriebsformen bedroht. Hier seien gezielte Investitionen in die ökologische und technische Transformation notwendig, um neue Wachstumsimpulse zu setzen und volkswirtschaftlich wieder gestärkt aus der Krise herauszukommen.