04. April 2017
"An den Hochschulen fehlt es an Gründerspirit"
2. Auflage der Veranstaltungsreihe Hamburg Newconomy
Nach dem Auftakt im September vergangenen Jahres lud der Wirtschaftsrat zur 2. Auflage seines Veranstaltungsformats „Hamburg Newconomy“ ein. Dieses Mal sprachen Christian Miele, Vice President von e.ventures, und Michael Asshauer, Co-Founder der Familonet GmbH, über ihre Erfahrungen am Gründerstandort Hamburg. Im Anschluss folgte eine Podiumsdiskussion mit den Hamburgischen Bürgerschaftsabgeordneten Michael Kruse (FDP), Carsten Ovens (CDU) und Dr. Joachim Seeler (SPD). Moderiert wurde die bei der BSP Business School stattfindende Veranstaltung von Prof. Dr. Stephan R. Göthel.
Auf dem Podium wurde heiß diskutiert (Foto: Wirtschaftsrat)

Keynotes


Als erfahrener Gründer und Frühphaseninvestor kennt sich Christian Miele gut mit der Hamburger Gründerlandschaft aus. Er zeigte sich grundsätzlich zufrieden damit, wie die Politik die Themen Start-ups und Digitalisierung in Hamburg angeht. Die Zusammenarbeit mit den Parteien funktioniere gut. Zudem gebe es einige Förderinitiativen der Stadt. Von den lange gewachsenen Hamburger Strukturen habe er selbst profitiert.

 

Miele hält Hamburg für einen Gründerstandort „mit enormem Potenzial“. Allerdings vermisst er die Verbindung zwischen Old und New Economy. „Wenn Hamburg die Vorteile der Digitalisierung langfristig nutzen will, müssen alle an einem Strang ziehen“, so Miele. Hamburg besitze zwar das Privileg, viele wohlhabende Bürger zu haben. Viele investierten aber noch nicht in Start-ups. Überspitzt skizzierte er deren Haltung: „Wir haben ja verstanden, dass Start-ups toll sind. Aber wir haben den Hafen. Der Hafen ist erfolgreich. Der Hafen steht für Hamburg.“

 

Antworten dieser Art seien für ihn kein Einzelfall, wenn man in Hamburg versuche, Investoren und Start-ups zusammenzubringen. Der Mittelstand und die Start-up-Szene seien „zwei völlig losgelöste Systeme“. Hamburg müsse daher schnell reagieren, sonst werde es von der Digitalisierung nicht profitieren können.

 

Michael Asshauer, einer der Gründer des Hamburger Start-ups Familonet, berichtete von seinen positiven und negativen Erfahrungen aus der Gründerszene. „Wir sitzen mit 13 Leuten in einem kleinen Büro auf der Schanze, unsere Kunden aber sind in der ganzen Welt verteilt“, erklärte er und machte damit anschaulich, wie die Digitalisierung funktioniert.

Asshauer lobte einerseits die Förderprogramme der Stadt, das InnoRampUp und den Innovationsstarterfond. Andererseits werde das Thema Existenzgründung in Hamburg an vielen Stellen, trotz einer wachsenden Gründerszene (Hamburg Start-up, Beta Haus, Mindspace) noch ziemlich stiefmütterlich behandelt. Neben der finanziellen Förderung sei aber gerade der Erfahrungsaustausch elementar für Gründer. „Insbesondere an den Hochschulen fehlt es an Gründerspirit“, konstatierte Asshauer und forderte gründungsbezogene Fächer mehr in ökonomische und technische Studiengänge einzubringen, um die Lust am Gründen zu fördern.

 

Als weiteres „deutsches“ Manko nannte er den bürokratischen Aufwand bei Existenzgründungen. Während eine Gründung in Neuseeland einen Schritt verlange und einen halben Tag Zeit in Anspruch nehme, seien es in Deutschland neun Schritte durch die Bürokratie in zehneinhalb Tagen. Hier sei eine Vereinfachung notwendig. Ähnlich wie Christian Miele kritisierte er die Risikoaversion der Deutschen und die fehlende Akzeptanz für gescheiterte Gründer.

Impressionen
Jan Brorhilker, stellv. Bundesvorsitzender des Jungen Wirtschaftsrates, begrüßte die Gäste (Foto: Wirtschaftsrat)
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Podiumsdiskussion


Die anschließende Podiumsdiskussion bezog die Sichtweise der Politik auf die Hamburger Start-up-Szene ein.

 

Joachim Seeler erläuterte zunächst, was sich in den letzten Jahren in puncto Fördermöglichkeiten getan hat. Als wichtigsten Schritt hob er die Gründung der Investitions- und Förderbank im Jahr 2013  durch die Stadt Hamburg hervor. Erst sie habe es ermöglicht, dass Gründer „keinen ewig langen Weg mehr durch diverse Fachbehörden“ auf sich zu nehmen hätten, um zu erfahren, welches Förderprogramm für sie das richtige sei. „Deswegen ist das alles gebündelt und verschlankt worden. Die IFB ist heute der Single Stop für Gründer“, so der SPD-Abgeordnete. Natürlich gebe es noch Luft nach oben.

 

Seelers Bürgerschaftskollege, Carsten Ovens von der CDU, warnte vor zu viel Optimismus: „Wir sind auf einem guten Weg, ja, aber der Weg ist bislang erst auf wenigen Metern beschritten. Wir müssen noch ziemlich weit laufen, wenn wir zu anderen Metropolen auch nur ansatzweise aufschließen wollen.“ Die Themen Vernetzung, Kapital und Internationalisierung gehörten ganz nach oben auf die Tagesordnung. „Wenn ich mir den Gründungsmonitor für 2016 für Deutschland anschaue, dann ist Hamburg Schlusslicht, wenn es darum geht, Gründer oder auch Angestellte in jungen Unternehmen zu haben“, so Ovens weiter.

 

Der FDP-Vertreter Michael Kruse mahnte zur Zusammenarbeit: „Wir wissen, dass wir schon im deutschen Wettbewerb der Bundesländer schnell an Grenzen stoßen. Weil Hamburg doch sehr klein ist, weil wir nicht all die Synergien, die es in der Region gibt, nutzen, weil wir eben immer noch Kleinstaaterei betreiben.“ Eine entscheidende Frage sei, wie man kluge Köpfe nach Hamburg hole, die bereit seien, hier ein Unternehmen zu gründen. Gleichzeitig müsse bei den Hamburgern selbst die Lust zur Unternehmensgründung geweckt werden. Kruse schlug deswegen einen jährlich stattfindenden Gründertag vor: „Kurz vor den Sommerferien sollen Gründer in die zehnten oder elften Klassen an Hamburger Schulen gehen und erklären, wie sie das gemacht haben. Viele Kinder dieser Stadt kommen gar nicht mit Unternehmern in Berührung und deshalb gar nicht auf die Idee, dass sie selbst auch Unternehmer sein können“, so der FDP-Politiker.

 

Der Moderator Stephan R. Göthel lenkte die Diskussion im Weiteren auf die Frage, wie Gründer und die „alte Hamburger Wirtschaft“ zusammengebracht werden können.

Carsten Ovens verwies auf die Möglichkeit, ein Mentorennetzwerk aufzubauen. Dies werde mittlerweile auch schon von der Handelskammer angeschoben. Die Stadt müsse zusätzlich aber auch dafür sorgen, dass eine internationale Vernetzung stattfinde, um mit den großen Innovationsregionen der Welt mithalten zu können. Bisher sei das Thema Internationalisierung in Hamburg viel zu wenig behandelt worden.

 

Joachim Seeler schlug Campusprojekte vor, bei denen die verschiedenen Gründergenerationen gemeinsamen mit den Universitäten zusammenarbeiteten. In diese Projekte könnten zusätzlich Administrationen integriert werden, die Interessierte bei der Unternehmensgründung beraten.

 

Das Hauptproblem der mangelhaften Vernetzung sah Michael Kurse in den gewachsenen Strukturen Hamburgs. „Es gibt gläserne Decken in der Stadt. Die müssen wir abschaffen, weil es am Ende darauf ankommt, offene Systeme zu schaffen, in denen Kollaboration möglichst schnell zustande kommt. Und wenn wir es als Politik schaffen, solche gläsernen Decken einzureißen, dann ist für den Standort schon mal richtig viel gewonnen“, erklärte Kruse.

„Mein Gefühl ist, dass Reichsein in Deutschland immer noch ein so großes Problem ist, dass sich der deutsche Mittelstand in den letzten Jahrzehnten einfach eingegraben hat und sich aus diesem Verständnis heraus zurückziehen musste“, warf Christian Miele ein. Deswegen sei es schwierig, die alte und die neue Wirtschaft zusammenzubringen. Um zu einer Lösung zu kommen, gebe es zwei Ansatzpunkte: Zum einen müsse jeder Einzelne das Thema nach draußen tragen und verständlich machen, dass Unternehmertum etwas Gutes sei, das Wohlstand und Arbeitsplätze schaffe. Zum anderen müsse es mehr Bereitschaft geben, die eigenen Netzwerke für andere zu öffnen.

 

Abschließend drehte sich die Diskussion darum, welche Maßnahmen im Bereich der Wissenschaft getroffen werden müssten, um die Hamburger Gründerszene voranzubringen. Michael Kruse und Carsten Ovens waren sich weitgehend darin einig, dass es dringend einen Lehrstuhl für Entrepreneurship an der Universität Hamburg braucht. Die zweieinhalb Lehrstühle an anderen Hamburger Hochschulen seien bei weitem nicht ausreichend, um an den Hochschulen ein Gründerklima zu schaffen.

 

Auf Einladung des Gastgebers, der BSP Business School, setzten Mitglieder und Gäste ihre Gespräche beim anschließenden Get-together fort.

Kontakt
Christian Ströder
Referent für Wirtschaftspolitik
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg
Telefon: 040/ 30381049
Telefax: 040/ 30381059