22. Mai 2019
"Wir dürfen die Technologieführerschaft in vielen Bereichen nicht verschenken!"
Veranstaltung zur „Zukunft der individuellen Mobilität“ mit Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Albert Albers (IPEK – Institut für Produktentwicklung am KIT) in der Sektion Baden-Baden/Rastatt trifft auf großes Interesse.
Der Andrang war so groß, dass Dr. Christof Maisch, Gastgeber des Abends und Vorsitzender der Geschäftsführung der PROTEKTORWERK Florenz Maisch GmbH & Co. KG, die Veranstaltung kurzerhand in eine große Lagerhalle verlegte, um die 120 Gäste unterzubringen. Das Interesse galt Prof. Dr. Albert Albers, der das komplexe Thema der Mobilität der Zukunft hochspannend aufzubereiten wusste.
Volles Haus beim Gastgeber Protektorwerk Florenz Maisch GmbH & Co. KG (Foto: WR)

Konrad Walter, Sektionssprecher in Baden-Baden/Rastatt, begrüßte zunächst die anwesenden Unternehmer und versprach einen „ideologiefreien“ Vortrag: „In der öffentlichen Diskussion fehlt die Technologieoffenheit. Ich freue mich umso mehr, dass uns Prof. Albers eine umfassende Experteneinschätzung geben wird.“ Auch Dr. Christof Maisch begrüßte alle Anwesenden und stellte die bald 120-jährige Geschichte des Familienunternehmens vor, das u.a. Marktführer in Europa für Bauprofile ist. 

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Albert Albers (IPEK – Institut für Produktentwicklung am KIT) (Foto: WR)

Prof. Albers stieg direkt in den Kern der Diskussion ein: „Die Batterie wird in Deutschland als flächendeckende Lösung für die Mobilität proklamiert, obwohl es vielversprechende weitere Lösungen wie die Brennstoffzellentechnologie und die Syncfuels gibt!“ Er sehe die Gefahr, dass das menschliche Grundbedürfnis nach Mobilität durch eine politische Regulierung eingeschränkt und durch hohe Kosten nur noch einer Elite zugänglich gemacht werden könne. Zudem sei eine Regulierung, gerade was den CO2-Ausstoß anginge, nur in einem weltweiten Verhältnis sinnvoll: Betrachte man den weltweiten Anstieg der in Betrieb genommenen Fahrzeuge (China: 22,9 Mio. verkaufte PKW pro Jahr, Deutschland: 3,3 Mio. verkauft PKW pro Jahr), sei selbst ein komplett CO2-freier Verkehr in ganz Deutschland innerhalb weniger Jahre durch den Anstieg in China kompensiert.  „Das Thema CO2 kann nur global betrachtet werden“, schlussfolgerte Albers. Der Wissenschaftler führte weitere Argumente aus, warum eine komplette Umstellung auf Batteriefahrzeuge wenig sinnvoll sei – der Fahrzeughersteller VW bspw. erwirtschafte einen Großteil seines Umsatzes durch Export. Ein kompletter Umstieg auf batteriebetriebene Fahrzeuge würde dieses Geschäft einbrechen lassen, da die Infrastruktur in den Exportmärkten (Südamerika, Indien) auch in den nächsten Jahren dafür nicht ausgerüstet sein wird. Problematisch sei auch die öffentliche Darstellung des CO2-Ausstoßes einzelner Antriebskonzepte. Das Elektrofahrzeug werde als Null-Emissions-Fahrzeug gerechnet, obwohl die Stromgewinnung CO2 erzeuge – „eine Sektorkopplung wird in Deutschland nicht berücksichtigt“, führte Prof. Albers aus. Das E-Auto sei nur mit Solarstrom emissionsfrei, weshalb er für den Ausbau der regenerativen Energien in Deutschland plädiere. Eine kurzfristige Reduzierung des CO2-Ausstoßes in Deutschland sei dagegen schon über die Beimischung von Bio-Kraftstoffen für konventionelle Fahrzeuge möglich. Dies leitete über zu den technologischen Entwicklungen: Prof. Albers kritisierte die Entscheidung  ‚weg vom Diesel‘, denn nicht nur gebe Deutschland damit ein wichtiges Stück seines technologischen Vorsprungs auf, sondern durch den reduzierten Anteil an effizienten Dieselfahrzeugen würden die CO2-Emissionen im Verkehr steigen. Die Gefahr bestehe, dass Deutschland seine Technologieführerschaft in vielen Bereichen verschenke. Grundsätzlich betrachte er Energie in flüssiger Form oder als Gas für sinnvoll für Fahrzeuge, denn so sei die Energiedichte am höchsten. Für hundert Kilometer Reichweite sei bei einem Verbrennungsmotor mit etwa sieben Kilogramm zu rechnen, bei einer Lithium-Ionen Batterie mit ungefähr sechzig Kilogramm, die als Gewicht mittransportiert werden müssten, so Albers.Seine Prognose für das Jahr 2030: 1/3 der Neuwagen werden reine E-Fahrzeuge sein, der Rest Hybrid-Fahrzeuge oder Verbrenner. Schließlich sei bei einer durchschnittlichen Erneuerungsrate der PKW-Flotte in Deutschland von ca. 11 Jahren nur von einem langfristigen Prozess zu sprechen. „Wer heute davon spricht, dass morgen keine Verbrennungsmotoren mehr gebaut werden, handelt emotional und denkt nicht weit genug“, so Albers.

v.l.n.r.: Konrad Walter (Sektionssprecher Baden-Baden/Rastatt), Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Albert Albers (IPEK – Institut für Produktentwicklung am KIT), Dr. Christof Maisch (Protektorwerk Florenz Maisch GmbH & Co. KG) (Foto: WR)

Prof. Albers spannte in seinem Vortrag einen breiten Bogen über die Entwicklung der individuellen Mobilität, die Situation auf dem weltweiten Mobilitätsmarkt bis hin zur Einführung in verschiedenste technologische Optionen. Er schloss mit einem Fazit: „Die Zukunft der Energieversorgung ist Wasserstoff, denn damit kann regenerativ erzeugte Energie hochverdichtet gelagert und über weite Strecken transportiert werden. Öl wird nur noch für die Chemieindustrie ein wertvoller Rohstoff sein.“ Insgesamt, so Albers, „müssen Lösungen für die Mobilität von morgen intelligent und technologieoffen entwickelt werden!“