05. November 2013
Schwindende Industriearbeitsplätze - wie kann die Politik gegensteuern?
Junger Wirtschaftsrat besucht Walterwerk Kiel GmbH & Co. KG
„Von den Besten lernen!“ – diesem Motto folgend besuchte der Junge Wirtschaftsrat den weltweiten Technologieführer für Waffelbackmaschinen, ein familiengeführtes Industrieunternehmen mit gut hundert Beschäftigten, das über 400 Waffeleishersteller weltweit beliefert.
Gastgeber Andreas Eule (li), Geschäftsführender Gesellschafter der Walterwerke Kiel, und Uwe S. Schröder (Geschäftsführer Vertrieb), werben für eine industriefreundliche Stadtpolitik (Foto: Wirtschaftsrat)

Der geschäftsführende Gesellschafter, Andreas Eule, zeigte sich trotz der anhaltend positiven Geschäftsentwicklung, die bereits zu einem Hallenneubau geführt habe, nicht ohne Sorgen um den Industriestandort Kiel. Während Deutschland einen Industrieanteil der Wirtschaft von 20 Prozent vorweisen könne, liege man in Schleswig-Holstein mit nur bei 8 Prozent auf dem Niveau von Großbritannien. In Kiel sei in den letzten zwei Jahrzehnten die Anzahl der Industrieunternehmen von 135 auf 80 weiter zurückgegangen, während sich die Beschäftigten von 21.500 auf sogar 11.500 fast halbiert haben. Je dünner die Strukturen am Standort, desto geringer die Möglichkeiten des Austausches mit Lieferanten und anderen technischen Unternehmen. Ebenso sollte jedem bewußt sein, daß an jedem Industriearbeitsplatz drei weitere aus dem Zulieferbereich hängen. Zudem sei Industrie längst nicht mehr schmutzig, und Wachstum nur auf dem Weltmarkt möglich, da die europäischen Märkte gesättigt seien. 


Vor diesem Hintergrund brauchte der Standort eine Willkommenskultur für Industrieansiedlungen. Industriethemen müßten im Rathaus Vorfahrt haben, die Verwaltung sollte sich als Dienstleister begreifen. Die Realität sähe allerdings anders aus. Als die Walterwerk ihre neue Halle bauen wollte, habe die Stadt Kiel ihr zur Auflage gemacht, daß an dieser kein Firmenlogo angebracht werden dürfe, und wenn dann nur unbeleuchtet und an der Nordseite, so daß es vom Kanal aus nicht gesehen werden könne. Ein ausländischer Investor dürfte dafür wenig Verständnis aufbringen. Die Kieler Präterius GmbH habe gar keine Erweiterungsfläche mehr bekommen und sei jetzt nach Neumünster abgewandert.  


In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, daß die Stadt Kiel keine Vision als Industriestandort habe, obgleich die Stadt vor Jahrzehnten durch den industriellen Schiffbau erst wohlhabend geworden sei. Begrüßenswert sei die Gründung des Maschinenbaumuseums in Kiel-Wik durch die Unterstützung verschiedener Industrieunternehmen sowie auch die Gründung einer technischen Fakultät an der Christian-Albrechts-Universität. Aber ohne eine entsprechende Unterstützung durch die Stadt Kiel könnten solche Erfolge nicht in Ansiedlungen umgemünzt werden. So sei es kaum nachvollziehbar, wenn die Stadtpolitik für das freiwerdende Gelände des Marinefliegergeschwaders zukünftig Wohnbebauung vorsehen möchte. Der Wirtschaftsrat empfiehlt der Stadt, regelmäßig den Rat der ansässigen Industrieunternehmen einzuholen, um Impulse für eine industriefreundliche Standortpolitik zu gewinnen.