17. April 2013
Industrielle Fertigung und Entwicklung - Perspektiven am Standort Schleswig-Holstein
Sektion Plön/Ostholstein besichtigt die Merz Dental GmbH
Für Friedhelm Klingenburg ist Schleswig-Holstein der Gesundheitsmarkt Nr. 1 in Deutschland. Das gelte sowohl für die medizinische Versorgung und Erholung als auch für die Medizintechnik. Klingenburg ist seit 2006 Geschäftsführer der Merz Dental GmbH in Lütjenburg. Das Unternehmen, das als Werchan Zahnfabrik gegründet wurde, ist seit 60 Jahren in der Kleinstadt im Kreis Plön beheimatet.
Die Sektion Plön/Ostholstein zu Gast im Hause Merz Dental GmbH (Foto: Wirtschaftsrat)

Seit 1999 gehört es als hundertprozentige Tochtergesellschaft zur Merz Pharma GmbH & Co. KG in Frankfurt. Klingenburg lobt den Standort, der von der Muttergesellschaft offenbar nie in Frage gestellt wurde, vor allem wegen des Freizeitwertes über alles. Aber er muß sich auch mit erheblichen Defiziten herumschlagen. Die liegen im Warenverkehr und in der Mitarbeiterrekrutierung, sagte er beim Mittagsgespräch der Sektion Plön/Ostholstein des Wirtschaftsrates.

 

Logistisch addiert sich der Standortnachteil durch Randlage und mangelhaften Verkehrsanbindungen auf vier Stunden. Ausgehende Sendungen müssen täglich bis 14 Uhr abgefertigt sein, wo 18 Uhr üblich ist. "Eine verschneite B 202 und ein Stau im Elbtunnel stellen unsere Spedition und damit uns vor große Probleme", sagte er. Das Unternehmen, mit 160 Mitarbeitern größter gewerblicher Arbeitgeber am Ort, versendet bei einem Exportanteil von 30 Prozent mit jährlich zweistelligen Wachstumsraten acht Millionen Zähne pro Jahr. Mit einem Umsatz von 15 Millionen Euro ist es das drittgrößte auf dem hochspezialisierten Nischenmarkt. Für die Kunden, deren Ordervolumen zwischen 1.000 und 400.000 Euro liegt, ist es ein Just-in-Time-Geschäft: Taggleich zu disponieren, ist allein Sache des Herstellers.

 

Als noch gravierender empfindet der 47-Jährige die Standortschwäche auf dem Personalsektor. Es gebe keinen oder keinen geeigneten Nachwuchs, machte er am Beispiel der Zerspanungstechniker und Chemielaboranten deutlich. Klingenburg: "Den Haupt- und Realschulabgängern in der Region fehlt es an Grundwissen, Mathematik und Chemie vor allem." Und an "Drive". Der potenzielle Nachwuchs scheine sich zum großen Teil in einer "Empfängergesellschaft" eingerichtet zu haben. Deshalb seien auch nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzt.

 

Sehr gut sieht es nach seinen Worten dagegen bei den Uni-Absolventen aus. Die seien top. Und eigenes eingearbeitetes Personal versucht Klingenburg wegen des Knowhows solange wie möglich zu halten: "Grundsätzlich machen wir jedem Mitarbeiter, der die Altersgrenze erreicht, ein Weiterbeschäftigungsangebot."

 

Der ungebrochene Erfolg des hochinnovativen Unternehmens ("Holsteiner Biß") beruht nach den Worten Klingenburgs auf seinen anspruchsvollen Qualitätsstandards, der großen Produktionsflexibilität und der hohen Fertigungstiefe in der Herstellung von Kunststoffzähnen: 50.000 Varianten weist das Produktspektrum auf. Durch die Entwicklung des ersten "vollanatomischen" Front- und Seitenzahnes auf Basis eines dreidimensional vernetzten Kunststoffes sowie patentierte Zahnformensysteme für CAD/CAM-Geräte in Praxis und Labor hat das mittelständische Unternehmen nicht nur wichtige Impulse bei der Herstellung von Konfektionszähnen gegeben, sondern weltweit Maßstäbe gesetzt. Als aktuell erfolgversprechendstes Wachstumssegment im Dentalmarkt sieht Klingenburg die Zahnästhetik. Für das Unternehmen ist deshalb das brandneue "Lächeln-to-go" ein "extrem spannendes Thema". Dabei werde der Patient erstmals nicht als Patient, sondern als Mensch wahrgenommen. Die bei seiner Umsetzung verwandten, von Merz mitentwickelten, "Testineers" sind hauchdünn computergefräste Kunststoffschalen, die ähnlich einer Kontaktlinse eigenständig auf die vorhandenen Zähne gesetzt, mit einem Haftvermittler fixiert und nach Bedarf eingesetzt und herausgenommen werden können. Das Verfahren, welches das Antlitz spürbar verändert, indem es ein Lächeln auf das Gesicht zaubert, wirkt sich damit positiv auf die individuell empfundene Attraktivität und damit das gesamte Selbstbewußsein aus.