03. September 2015
Norddeutscher Wirtschaftstag 2015 - Podium III: Bildungsinfrastruktur
Innovationspolitik für Norddeutschland - Chancen für den Wirtschaftsstandort durch Innovations- und Bildungspolitik
Bildung als Teil der Infrastruktur? Was im ersten Moment ungewöhnlich klingen mag, ist praktisch von großer Bedeutung. Denn nur durch einen strategischen Aus- und Umbau des Bildungssystems, d.h. durch langfristige Planung und strukturierte Umsetzung, kann Norddeutschland als Innovations- und Wissenschaftsstandort mit dem Süden Schritt halten. Ein Bildungssystem, das dem technischen Fortschritt offen und flexibel begegnet, das Leistungsträger gezielt unterstützt – Stichwort Exzellenzförderung – und das unternehmerischen Geist proaktiv fördert, ist die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand in Norddeutschland.
Die Teilnehmer des Podiums III sind sich einig: Deutschland braucht Exzellenzförderung (Foto: Frank Soens)

Über die Vision eines solchen Bildungssystems diskutierten Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft auf dem Podium III „Innovationspolitik für Norddeutschland - Chancen für den Wirtschaftsstandort durch Innovations- und Bildungspolitik“. Zu den Podiumsteilnehmer gehörten

 

  • Prof. Dr. Stefan Behringer, Präsident / NORDAKADEMIE Hochschule der Wirtschaft, Elmshorn
  • Stefan Dräger, Vorsitzender des Vorstands / Drägerwerk AG & Co. KGaA
  • Prof. Dr. Dirk Loerwald, Geschäftsführer / An-Institut der Carl von Ossietzky-Universität, Oldenburg
  • Lars Reger, VP R&D & New Business / NXP Semiconductors Germany GmbH
  • Thies Rixen, Vice President Sales & Purchasing Germany / T-Systems International GmbH

 

Die Moderation der Diskussionsrunde übernahm Dr. Hubert Baltes (Head of New Business Development / Olympus Winter & Ibe GmbH), Vorstandsmitglied des Wirtschaftsrates Hamburg und Vorsitzender der Landesfachkommission Wachstum & Innovation.

 

Dirk Loerwald stellte Kreativität, Exzellenz in der Forschung und Entwicklung, sowie die gesellschaftliche Verankerung von Entrepreneurship, als die drei Kernkompetenzen erfolgreicher Innovationspolitik in den Vordergrund. Insbesondere der unternehmerische Aspekt würde aktuell stark vernachlässigt, oft werde „Unternehmergeist“ als ein angeborener Instinkt betrachtet. Damit aus Risikobereitschaft und Problemlösungsorientierung aber tatsächliches Unternehmertum entstehe, spiele die ökonomische Bildung eine wichtige Rolle. Vereinzelte Initiativen seien lediglich „Strohfeuer“. Im Lehrplan würde die ökonomische Bildung nur stiefmütterlich behandelt und finde sich je nach Bundesland in Konstellationen wie „Gemeinschaftskunde“ oder „Politik-Wirtschaft“ untergeordnet wieder.

Um die unternehmerischen Potenziale gezielt zu fördern, müsse jedoch eine systematische Heranführung an Entrepreneurship gewährleistet werden. Loerwald erklärte, dass man, „wenn man Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft fördern will, auch das Bildungssystem innovieren muss. Ökonomische Bildung muss ein integraler Bestandteil des Allgemeinwissens werden.“

 

Man dürfe „nicht in die Arbeitslosigkeit ausbilden“, fasste Stefan Behringer seinen Ansatz der wirtschaftsnahen Ausbildung zusammen. Es dürfe nicht wahllos in „Orchideenfächern“ ausgebildet werden, sondern durch eine enge Verzahnung von Wirtschaft und Bildung müsse die praktische Relevanz der Ausbildung stets gesichert sein. Damit die Universitäten Wissen auf dem aktuellen Stand der Technik vermitteln könnten, sei insbesondere die Forschung in Unternehmen ein wichtiger Aspekt dieser Verzahnung. Von staatlicher Seite stünden zwar viele Forschungsförderprogramme zur Verfügung, diese seien jedoch durch einen erheblichen bürokratischen Aufwand bei der Bewerbung gekennzeichnet. Eine Vereinfachung des Bewerbungsprozesses sowie mehr Nachvollziehbarkeit bei der Vergabe von Fördermitteln könnten starke Forschungsimpulse setzen, so Behringer.

 

Der Familienunternehmer Stefan Dräger fokussierte sich auf die zweite Kernkompetenz, die Exzellenz in Forschung und Entwicklung durch die Förderung von MINT-Talenten. Aber genau daran mangele es in Deutschland. Gerade in den für die Wirtschaft so enorm wichtigen MINT-Fächern gebe es keine systematische Talentförderung. Anders als in der Musik oder im Fußball: Das Erfolgsrezept für den Weltmeistertitel 2014 in Brasilien sei der strategische Aufbau von Toptalenten in 54 landesweit betriebenen Förderzentren gewesen. Auch in der Musik sei eine ähnliche Potenzialförderung schon lange etabliert. „Eine umfassende Förderstrategie muss für den MINT-Bereich etabliert werden, möglicherweise sogar nach einem interdisziplinären Ansatz“, forderte Dräger. Nur so könne Deutschland auch „Innovationsweltmeister“ werden.

„Um innovative Ideen und Neugründungen erfolgreich im Markt zu platzieren, müssen zudem die Rahmenbedingungen verbessert werden“, sagte Thies Rixen. So sei zum einen die deutsche Zurückhaltung, wenn es um das Bereitstellen von Wagniskapital geht, ein großes Hemmnis. Um den Geldfluss zu erhöhen, müsse der Fokus stärker auf Biotechnologie, Maschinenbau und Verfahrenstechnik gelegt werden. Zudem dürften Geldgeber den Profit nicht zu sehr in den Vordergrund stellen, vielmehr sei zunächst schnelles Wachstum von elementarer Bedeutung. Frei nach dem Motto „entweder ich habe Erfolg oder ich lerne“ sei Scheitern kein lebenslanger Makel - dieser Gedanke müsse sich in der deutschen Gründerkultur noch verbreiten.

Zum anderen stellte Rixen die Rolle von Start-up- und Technologiehubs als Erfolgsfaktoren heraus: „In einem Segment oder einer Branche wird eine kritische Masse an Vernetzung zwischen Universitäten und Unternehmen erzeugt" und wirke stark innovationsfördernd.

 

Auch für Lars Reger sind Hochschulkooperationen die große Chance für die Innovationsinfrastruktur Norddeutschlands. Die Studenten bräuchten Möglichkeiten, um „mit den Ideen zu spielen“, wie beispielsweise eine erfolgreiche Kooperation mit der TU Harburg zur Nutzung von NXP-Produkten zeige. Insbesondere im Kontext des grundlegenden Wandels der Technologielandschaft, aufgrund fortschreitender Digitalisierung und engerer Vernetzung, sei Norddeutschland auf dem besten Weg, sich als Innovationszentrum zu etablieren. Mit Vorreiterprojekten wie dem „smartPORT Hamburg“ zur Optimierung der Hafenlogistik könne ein „Testfeld Norddeutschland“ geschaffen werden, innerhalb dessen ein systematisches Ökosystem von Technologiepartnern aufgebaut wird. Ein Hindernis bei der Verbreitung smarter Technologien, insbesondere für den Mittelstand, bestehe derzeit in der gewaltigen Unsicherheit rund um das Thema Datensicherheit. Darum sei eine politische Verankerung des Grundprinzips der Sicherheit bei der digitalen Vernetzung dringend erforderlich.

 

Einigkeit bestand auf dem Podium, dass die Bedeutung von „Dienstleistungsinnovationen“ in Zukunft stark zunehmen wird. Der Fokus verschiebe sich vom Gegenstand selbst, hin zu seinem Nutzen, was sich zum Beispiel an der Aufwertung der Dienstleistung „Mobilität“ gegenüber dem „Statussymbol Auto“ beobachten ließe. Während Thies Rixen angesichts der starken Produktionsabhängigkeit Deutschlands große Investitionen in den Dienstleistungssektor für erforderlich hält, betonte Lars Reger: „ohne Hardware keine Services“. So seien einige Automobilhersteller dabei, ihr Geschäftsmodell immer stärker auf die Sammlung von Daten auszurichten. Die Daten aus dem direkten Kundenkontakt mit der Hardware könnten über konzerneigene Software vielseitig weiterverarbeitet und genutzt werden – von der Regenprognose bis hin zu Informationen zum Zustand des Straßenbelags.

 

Dem Podium schloss sich eine intensive Frage- und Diskussionsrunde mit dem Publikum an. Thematisiert wurden u.a. die Wirtschaftsaversität in der Gesellschaft, die mangelnde Offenheit gegenüber technischem Fortschritt, die hohe Bedeutung von Technologiezentren und die Rückständigkeit des deutschen Bildungssystems in puncto Digitalisierung. Letztere zeige sich einerseits in der schlechten technischen Ausstattung vieler Bildungseinrichtungen, andererseits in der Tatsache, dass viele Lehrer über kaum informationstechnisches Wissen verfügten.

 

Die Kernforderungen des Podiums im Überblick:

  • Gezielte Ansiedlung von Technologiezentren zur nachhaltigen Industrialisierung
  • Weiterentwicklung der Cluster in allen Bundesländern vorantreiben
  • Gezielter hochschulübergreifender Aufbau von Exzellenzinitiativen mit technisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkten (MINT) als interdisziplinäre Herausforderungen mit Anwendungs- oder Produktbezug
  • Politische Initiative „Innovationstestfeld Norddeutschland“ ins Leben rufen: Halbjährliche Abstimmung der norddeutschen Entscheider in Politik und Behörden zur gezielten Gewinnung und Umsetzung von Innovationsprojekten
  • Gründerszene stärken: Gründerkultur und Vernetzung zwischen Gründern und Unternehmern fördern / Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten stark ausweiten
  • Ökonomische Bildung fördern: Schulfach „Wirtschaft“ schnellstmöglich in allen Schulformen einführen / Entrepreneurship Education in Lehrplänen und Kerncurricula etablieren
Kontakt
Christian Ströder
Referent für Wirtschaftspolitik
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg
Telefon: 040/ 30381049
Telefax: 040/ 30381059