07. September 2016
Delegationsfahrt
Junger Wirtschaftsrat besucht Bulgarien
Der Junge Wirtschaftsrat hat mit einer zwölfköpfigen Delegation Sofia besucht, dem Land mit dem niedrigsten Mindestlohn und damit dem größten wirtschaftlichen Aufholpotential in der Europäischen Union. Das durch Torsten Geißler von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sofia vermittelte Besuchsprogramm, ermöglichte ein Gespräch mit dem Deutschen Botschafter und den Besuch eines deutschen Zulieferbetriebs für die Automobilindustrie sowie ein Abendessen mit einem jungen bulgarischen Politiker. Aber auch der Wartungsbetrieb und die administrativen Service Center der Lufthansa Technik, ein Ausbildungsvermittler und die deutsch-bulgarische Außenhandelskammer stifteten wertvolle Eindrücke.
Die Delegation des Jungen Wirtschaftsrates zu Besich u.a. bei der Lufthansa Technik / Foto: Wirtschaftsrat

BHTC – Behr-Hella Thermocontrol EOOD  
Der Besuch eines Produktionswerks des deutschen Unternehmens BHTC (Behr-Hella Thermocontrol EOOD) war für den Jungen Wirtschaftsrat ein besonderes Highlight. In einem Randgebiet Sofias ließ sich der Konzern 2013 nieder. Das Werk, das einer Industrieoase gleicht, wurde dort aus dem förmlichen Nichts geschaffen und beschäftigt heute schon fast 200 Mitarbeiter. Der leitende Manager Martin Nyhaus stellte stolz den auf Wachstum ausgelegten Betrieb vor, der moderne Klimakontrolleinheiten für namhafte Automobilhersteller fertigt, und sprach auch offen über die Vor- und Nachteile des Industriestandorts Bulgarien. Die Vorstandsmitglieder kamen aus dem Staunen über die präzise arbeitenden Maschinen und die hochkonzentrierten Mitarbeiter nicht mehr heraus. Deutsche Arbeitgeber sind beliebt in Bulgarien: Sie schätzen ihre Verläßlichkeit, die Beständigkeit der Unternehmen und das leistungsfördernde Arbeitsklima. Aus Arbeitgebersicht gibt es gute Argumente für bulgarische Außenstellen, weil das Lohnniveau und die Steuerlast niedrig sind. Ein Fachkräftemangel wird allerdings beklagt. Wer als Deutscher nach Bulgarien kommt, möchte nach der Eingewöh-nungszeit jedoch selten wieder zurück: Die Lebensqualität ist hoch, und ein gewisses „Lokalfürstentum“ für deutsche Führungskräfte läßt sich nicht abstreiten. / Nadine Sydow

Lufthansa Technik Werk
Seit 2007 besteht die Lufthansa Technik Sofia (LTSF) und ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Lufthansa Technik AG (75,1 Prozent) und der Bulgarian Aviation Group (24,9 Prozent). Das bulgarische Unternehmen hat sich auf die Wartung, Überholung und Instandhaltung (Maintenance, Repair and Overhaul – MRO) von Mittelstreckenflugzeugen der Airbus A320-Familie und der Boeing 737-Serie (Classic und Next Generation) spezialisiert. Der Standort ist eine der wichtigsten Wirtschaftsansiedlungen der letzten Jahre in Sofia. Mittlerweile arbeiten mehr als 800 Beschäftigte im Wartungsbetrieb und dem administrativen Service Centern. Die Besichtigung der Delegation des Jungen Wirtschaftrat zeigte die ganze Bandbreite der Wartungsproduktion. Neben Pneumatik- und Hydraulikwerkstätten verfügt der Standort auch über eine eigene Sattlerei für die Verarbeitung von Sitzbezügen. In den Hangars werden die Flugzeuge von der Nase bis zum Leitwerk auf Herz und Nieren überprüft. Ungefähr alle sieben Jahre steht eine umfangreiche Überholung der Flugzeuge an, die in 20 bis 30 Ereignistagen mehr als 30.000 Arbeitsstunden bedeuten. Für die jungen Unternehmer war es spannend, hinter die Kulissen des Fliegens zu gucken und die Spannbreite der Technologie in einem Flugzeug zu erfahren. / Tobias Loose

Lufthansa Technik Einkauf – offshore-Projekt
Der Besuch des Lufthansa Technik Werkes, welches angebunden an den Flughafen Sofia liegt, war eine der beeindruckendsten Besichtigungen dieser Reise. In unmittelbarere Nähe zum Werk befindet das „Sofia Airport Center“, ein 2014 fertig gestelltes Business Center, in dem die Lufthansa Technik ihren „Einkauf “ als offshore Projekt auf mehrere Etagen eingemietet hat. Das Gebäude ist eines der modernsten Bulgariens und besticht durch einen Mix aus Moderne, umweltfreundlichen Materialien und vielen begrünten Ruheoasen für die Angestellten der vielen Büros. Lufthansa Techniks offshore Projekt „Einkauf “ beeindruckte durch eine, für den 90 Jahre alten Luftfahrtkonzern, sehr untypische aber moderne StartUp-Atmosphäre. Schon der Eingangsbereich mit der lässigen Lounge aus Euro-Paletten und den angeschlossenen Großraumbüros machten deutlich, daß dieses Projekt von jungen Leuten gelebt und gestaltet wird; ein Projekt, welches eher an das Silicon Valley erinnert als an ein Traditionsunternehmen. Die knapp 160 Mitarbeiter, allesamt gefühlt unter 30, arbeiten in kleinen Teams, offensichtlich in einer sehr flach organisierten Hierarchie. Die Führung dieses Offshoreprojektes ist einem dynamischen jungen deutschen Manager anvertraut, der von den Vorzügen schwärmte, eine Art StartUp aufbauen zu dürfen, welches aber in einem Konzern mit jahrzehntelanger Erfahrung implementiert ist. In wenigen Jahren ist dieses Projekt von anfänglich ca. 20 auf 160 Mitarbeiter herangewachsen. Gut ausgebildete Bulgaren gibt es aber auch hier nicht im Überfluß, und so müsse denjenigen etwas geboten werden, erzählte er. Doch trotz allen Stolzes, ein solch richtungsweisendes Projekt für die Lufthansa aufbauen zu dürfen, beklagte er, daß die Größe von 160 Mitarbeitern langsam dem familiären Teamspirit der Anfangsjahre den Garaus macht. / Christoph Schwarz

Border Concepts Offshore – offshore-Projekt
Im Jahr 2003 im niederrheinischen Gronau gegründet, ist die Firma border concepts als Veranstalter von Bildungsmessen in Deutschland und Europa tätig. Im Jahr 2014 gründete das Unternehmen eine Schwesterfirma in Sofia, die border concepts Sofia OOD & Co. KD. Wie Sjaik N.A. Djorai, einer der drei Gründer und Geschäftsführer beim Besuch der Niederlassung in der bulgarischen Hauptstadt sagte, erfolgte die Gründung vor allem, um die Dienstleistungen der Firma, die auch zahlreiche Messen im europäischen Ausland anbiete, kostengünstiger anbieten zu können. Die Firma in Sofia beschäftigt ca. 15 Mitarbeiter, in Gronau weitere 20. Die drei in Deutschland lebenden Geschäftsführer pendeln im Wochentakt nacheinander nach Sofia, um die Schwesterfirma zu führen. Im Einzelnen biete border concepts Bildungsmessen unter den Marken Bachelor and more (jährlich sieben) sowie Master and more an (jährlich 16, davon vier im Ausland), zudem Online-Portale und Magazine als auch individuelle Kommunikationskonzepte. Diese Dienstleistungen ermöglichen es Hochschulen und Unternehmen, mit Schülern, Studierenden, Absolventen und Young Professionals in Europa zu kommunizieren, sich zu präsentieren und ihre unterschiedlichen Studienprogramme sowie Jobmöglichkeiten zu bewerben. / Dr. Roderich Stintzing

Abgeordnetengespräch
Das gemeinsame Abendessen mit dem jungen Parlamentsmitglied Dimitar Delchev half beim besseren Verständnis der politischen Landschaft in Bulgarien. Bei traditioneller Landeskost auf Einladung der Konrad Adenauer Stiftung berichtete Thorsten Geißler als Leiter des
Auslandbüros Bulgarien einleitend von seinen Erfahrungen als Leiter im Nachbarland Rumänien in vergleichbarer geostrategischer Lage. Dimitar Delchev berichtete vom Wettbewerb russischer, türkischer und europäischer Einflüsse auf die Parteien im bulgarischen Parlament und den Schwierigkeiten stabiler Regierungsmehrheiten. Innenpolitisch stehen die internationalen Pipelineprojekte, die Flüchtlingskrise in den Nachbarländern und die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte im offenen Diskurs, wobei das Bekenntnis zur Europäischen Union und zur Demokratie von der Mehrheit der Bevölkerung getragen werde. Mit einem flammenden Plädoyer für die Demokratie dankte Olaf Birkner im Namen der Delegation des Jungen Wirtschaftsrates aus Schleswig-Holstein dem Gastgeber sowie dem Abgeordneten. Wo die Demokratie herrsche, würden Konflikte nicht mehr über Kriege ausgetragen. Die Digitalisierung erhöhe den Anpassungsdruck auf Länder mit undemokratischen Machtstrukturen, was dort zu politischen Umstürzen und bürger-kriegsähnlichen Auseinandersetzungen führen könne. Global sei die Demokratie aber seit Jahrzehnten auf dem Vormarsch, wobei viele Länder wie Bulgarien vor 25 Jahren den Wandel friedlich erreicht haben. Die Mitglieder der Delegation erfuhren von der positiven Einstellung der Bulgaren zur Europäischen Union und fundamentalen ordnungspolitischen Auseinandersetzungen im Vergleich zur deutschen Innenpolitik. Der Abend gipfelte in zahlreichen, angeregten Diskussionen und stellte zweifelsohne einen Höhepunkt der Delegationsreise dar./Finn Plotz

Außenhandelskammer
Dies bestätigte im Anschluß auch die stellvertretende Geschäftsführerin der AHK Bulgarien, Carmen Struck, in einem Vortrag über die wirtschaftlichen Eckdaten dieses aufstrebenden Landes. Als Bulgariens größte bilaterale Wirtschaftsorganisation mit über 500 Mitgliedern ist
die AHK sehr gut vernetzt – nicht zuletzt, weil mittlerweile neben dem Hauptsitz in Sofia auch im zentral gelegenen Plovdiv und der Hafenstadt Varna Repräsentanzen unterhalten werden. Um dieses Netzwerk deutschen Unternehmen zugänglich zu machen, bietet die AHK ein breites
Dienstleistungsportfolio. Angefangen bei der Suche nach einem Unternehmensstandort über die Marktberatung und die Vermittlung von Geschäftspartnern bis hin zum kompletten Buchhaltungsservice. Somit wird alles für einen erfolgreichen Markteinstieg in Bulgarien getan – vielleicht auch ein Grund, warum Bulgarien gemessen an den deutschen Direktinvestitionen im Ausland immer auf den vorderen Plätzen liegt. / Lennart Wichelmann

Botschafter
Ein weiteres Highlight der Delegationsreise bot das einstündige Gespräch mit dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Detlef Lingemann, in der Botschaft. Der erfahrene Diplomat war Beauftragter für wirtschaftliche Aspekte der Globalisierung und für Entwicklungspolitik im Auswärtigen Amt und Botschafter in der Tschechischen Republik, bevor er kürzlich zum Botschafter in Bulgarien ernannt wurde. Er berichtete einleitend von der innenpolitischen Entwicklung Bulgariens nach der Unabhängigkeit und den wirtschaftlichen Vorzügen, die die Republik Bulgarien als Investitionsstandort anbieten könne. Innenpolitisch seien die Abwanderung von qualifizierten Kräften und die Gegenmaßnahmen ein wichtiges Thema, das nicht nur auf die Schul- und Hochschulbildung, sondern vor allem auf die Lehrerausbildung ziele. Investitionsvorteile ergeben sich aus der geografischen Schnittstelle zwischen West- und Mitteleuropa mit dem asiatischen Markt, den günstigen Rahmen-bedingungen durch die Bindung des Lew an den Euro und Einheitssteuersätzen für das Einkommen und Körperschaften von 10 Prozent sowie schließlich die hochqualifizierten und zugleich motivierten Fachkräfte. Dabei könnten deutsche Unternehmen auf eine gute Zusammenarbeit mit der benachbarten Deutsch-Bulgarischen Industrie- und Handelskammer (AHK) bauen. / Madina Assaeva