30. November 2017
Abendveranstaltung der Sektion Neumünster in der Elly-Heuss-Knapp-Europaschule
"Langzeitarbeitslosigkeit? Wer das löst, ist nobelpreisverdächtig"
Die Richtung stimmt, aber die Aufgabe bleibt auch in den kommenden Jahren eine große und dauerhafte Herausforderung. Das ist das Fazit der Diskussion zur Langzeit-arbeitslosigkeit in der Stadt Neumünster, zu der die Sektion Neumünster eingeladen hatte.
v.l. Thorsten Hippe, Sektionssprecher Holger Bajorat und Marc Fellgiebel (Foto: Wirtschaftsrat)

Seit dem Jahr 2015 konnte nach Aussage von Thorsten Hippe, Geschäftsführer des Jobcenters Neumünster, „eine Trendwende erreicht werden“. Die Zahl der Langzeitleistungs-bezieher gehe aufgrund der Wiederaufnahme von Arbeit seitdem kontinuierlich zurück. Jeder achte Einwohner der kreisfreien Stadt erhalte Transferleistungen des Jobcenters. Holger Bajorat, Sprecher der Sektion Neumünster, moderierte den Abend und machte zu Beginn deutlich, daß „es darum geht, wie es gelingen kann, „den starren Markt an Langzeit-arbeitslosen durch vielfältige Aktivitäten und neue Impulse auch aus der Wirtschaft in Bewegung zu bringen.“

Zu Beginn zeigte Hippe auf, was hinter dem Slogan „Neue Möglichkeiten schaffen“ des Jobcenters Neumünster steckt. Seit 1. Januar 2016 seien alle Aktivitäten in einem Aktivzentrum zusammengefaßt, so der Chef des Jobcenters. Dabei werden neben den Betroffenen auch die Arbeitgeber der Region gezielt eingebunden. „Unser erstes Projekt ist die Beschäftigungs-offensive. Das ist ein Zusatzservice für Arbeitgeber, die Personal suchen.“ Es werde im Bestand der Langzeitarbeitslosen nach passenden Bewerbern geschaut, die dann – sofern notwendig – gezielt für den neuen Job qualifiziert werden. Hippe: „Wir begleiten die Einstellung des neuen Mitarbeiters vor, während und bei Bedarf auch nach der Einstellung.“ Die gemachten Erfahrungen seien positiv. In gleiche Richtung zieht auch das Bundesprogramm „Arbeiten und Leben in Neumünster“. Hier seien hohe Förderquoten bei den Löhnen möglich „und wir konnten 40 Integrationen bei 30 Arbeitgebern realisieren.“

Auch die Betroffenen könnten auf vielfältige Angebote zurückgreifen. Ein Projekt trägt den Namen „Kurswechsel“ und setzt bei den Betroffenen an. Dabei gehe es darum, unter Einbindung externer Fachleute ganzheitliche Beratung von Bedarfsgemeinschaften bei drohender oder bereits bestehender Langzeitarbeitslosigkeit zu bieten. Hippe: „Jährlich schaffen wir dadurch etwa 200 Integrationen in versicherungspflichtige Anstellung oder Ausbildung.“ Mit Erfolg. Bei 75 Prozent gelinge eine dauerhafte Wiederbeschäftigung. Ganz neu ist seit dem 1. Mai die gezielte Beratung von EU-Bürgern. Hier stünden die Klärung von Ansprüchen, der Spracherwerb und zusätzliche Qualifizierungen im Fokus.

 

Als weitere Projekte nannte Hippe die gezielte Betreuung von Alleinerziehenden, das Bundesprogramm 50+, die Beratung von Menschen mit Fluchterfahrung und zur Vorbeugung von Langzeitarbeitslosigkeit die Jugendberufsagentur, die sich gezielt um den erfolgreichen Übergang von der Schule in das Berufsleben kümmert. Hippe: „Alle Aktivitäten werden von uns jährlich auf den Prüfstand genommen, um jedes Jahr die Angebote passgenauer zu machen.“ Für ihn stehe dabei aber auch fest: „Wir brauchen bei allen unseren Maßnahmen Arbeitgeber, die mit uns an einem Strang ziehen.“ Er sei optimistisch, daß das auch in Zukunft so bleibt, denn „in vielen Fällen sind die neuen Mitarbeiter zu einer Bereicherung für die Unternehmen geworden.“

Im zweiten Teil des Abends, der immer wieder durch Fragen der Zuhörer bereichert wurde, ging es um den Blick auf das Thema aus Sicht eines Weiterbildungsträgers Marc Fellgiebel, Leiter der Dekra-Akademie Lübeck-Kiel-Neumünster, zeigte auf, mit welchen Qualifizierungs-angeboten sein Unternehmen seit fünf Jahrzehnten in Schleswig-Holstein die Integration von Langzeitarbeitslosen fördert. „Vor allem geht es darum, in den Bereichen zu qualifizieren, in denen Bedarf ist.“ Das seien in Schleswig-Holstein vor allem Kraftfahrer sowie Mitarbeiter als Helfer in den Bereichen Logistik und Pflege.

 

Das Angebot reiche von Maßnahmen zur Teilhabe am Leben über individuelles Coaching bis hin zu abschlußorientierter Qualifizierung. Fellgiebel machte deutlich, daß vor allem bei der Qualifizierung künftig mehr Flexibilität erforderlich ist. „Es muß mehr Möglichkeiten geben, statt einer dreijährigen Ausbildung Teilqualifizierungen zu erwerben.“ Einen Beruf in sieben Teilbereiche zu zerlegen und nach und nach zu qualifizieren, sei „ein großartiges und mundgerechtes Konzept.“

Fellgiebel, der auch von seiner Erfahrung von eineinhalb Jahren Arbeitslosigkeit in seinem Lebenslauf berichtet, sprach in seinen Darstellungen auch Klartext: „Langzeitarbeitslosigkeit? Wer das löst, ist nobelpreisverdächtig.“ Aktuell sei es die aus der Sicht der Arbeitnehmer gute Lage auf dem Arbeitsmarkt, die für hohe Kooperationsbereitschaft der Unternehmen bei der Integration von Schwervermittelbaren sorge.

Er und Hippe zeigten sich überzeugt, daß die Zahl der Langzeitarbeitslosen in den kommenden Jahren weiter in kleinen Schritten zurückgehen werde, auch wenn – wie es ein Zuhörer auf den Punkt brachte – die Zahl der Helferjobs, die für Langzeitarbeitslose in Frage kommen, aufgrund der Digitalisierung eher geringer werde./Holger Hartwig