05. Oktober 2016
"Niedrigzins klingt noch zu positiv"
Dr. Thomas Schäfer MdL zu Gast beim Wirtschaftsrat
Die aktuelle Geldpolitik der EZB wirft wichtige Fragen auf. Wie kam es zu der Entscheidung der Zentralbank, den Leitzins immer weiter abzusenken? Welche Folgen hat die Niedrigzinsphase für den Bankensektor und die Bürger? Auf Einladung der Sektion Gießen-Alsfeld gaben Dr. Thomas Schäfer MdL, Finanzminister des Landes Hessen, und Oliver Haibt, Regional Head Interest, Currency & Liquidity Management bei der Commerzbank AG, Antworten auf diese Fragen.
Dr. Thomas Schäfer MdL (Foto: Wirtschaftsrat)

„Die Geldpolitik der EZB wird in den nächsten Jahren massive Veränderungen in der Finanzdienstleistungsbranche hervorrufen“, so Finanzminister Dr. Thomas Schäfer. „Aufgrund der niedrigen Zinsen geraten die traditionellen Geschäftsmodelle der Banken immer weiter unter Druck.“ Die Politik müsse nun dafür sorgen, dass bei den anstehenden Veränderungen die dezentrale Bankenstruktur erhalten bleibt. Dies sei insbesondere aufgrund der hohen Bankenlast bei der Finanzierung der deutschen Volkswirtschaft wichtig.

 

Der häufig geäußerten Vermutung, der Staat sei der Hauptprofiteur der Niedrigzinsphase, widersprach MdL Schäfer: „Die aktuelle Geldpolitik ist auch für den Staat ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist die Kreditaufnahme so günstig wie nie. Andererseits steigt der bilanzielle Wert der Pensionsrückstellungen immens an.“ Die anhaltende Niedrigzinsphase sorge außerdem für eine Verschärfung des Rentenproblems. Der Minister warb in diesem Zuge für die von ihm mitkonzipierte Deutschlandrente: „Die Deutschlandrente sieht einen staatlich organisierten Fonds vor, in den jeder Arbeitnehmer automatisch einzahlt, sofern er dem nicht ausdrücklich widerspricht. Auf diese Weise könnten wir die Partizipationsrate bei der privaten Altersvorsorge erhöhen und die Bürger besser vor Altersarmut schützen.“ Wichtig sei es, möglichst bald eine Lösung für das Rentenproblem zu finden. Dieses werde sich durch den Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen.

 

Oliver Haibt, Regional Head Interest, Currency & Liquidity Management bei der Commerzbank AG, warnte in seinem Vortrag vor den negativen Folgen der anhaltenden Niedrigzinsphase für die gesamte Volkswirtschaft: „Aufgrund der weiterhin schwierigen Kreditvergabe sind die Einlagen der Banken bei der EZB auf eine Billion Euro angestiegen. Da die Banken die negativen Einlagezinsen vermeiden möchten, weichen sie zunehmend auf alternative Anlageformen aus.“ Dies sorge für eine Zunahme der Verzerrungen am Finanzmarkt. Es sei allerdings richtig, dass die EZB in ihren Handlungsoptionen beschränkt sei. Bei den kleinsten Anzeichen einer Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik reagieren die Märkte mit einer Aufwertung des Euro. „Das hat unmittelbare Folgen für die Realwirtschaft. Exporte werden teurer und die Wettbewerbsfähigkeit der Problemstaaten in der Eurozone nimmt weiter ab“, erklärte Haibt. Deswegen sei davon auszugehen, dass die EZB auch zukünftig an ihrer Politik des billigen Geldes festhalten werde.

Foto: Wirtschaftsrat
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