16. November 2016
AK Öffentliche Finanzen & Geldpolitik
Niedrigzins und kein Ende?
Prof. Dr. Stefan May über die europäische Niedrigzinspolitik
Für den Vorsitzenden der Euröpäischen Zentralbank, Mario Draghi, war schon im Jahr 2012 klar, dass der Euro gerettet werden muss, „koste es, was es wolle“. Doch was kostet es, an der gemeinsamen Währung festzuhalten? Über mögliche Perspektiven und Alternativen gab Prof. Dr. Stefan May, Professor für Banken, Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement, auf Einladung des Arbeitskreises Öffentliche Finanzen & Geldpolitik dem Wirtschaftsrat in den Räumlichkeiten der Quirin Bank AG Aufschluss.
Prof. Dr. Stefan May über die Zinssätze der EZB (Foto: Wirtschaftsrat)

„Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die europäische Gemeinschaftswährung gerettet werden konnte. Draghis „whatever it takes“ Blankoscheck hat also im ersten Moment Früchte getragen“, hielt Prof. May, Professor für Banken, Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement an der Business School der Technischen Hochschule Ingolstadt, zunächst fest. Doch zu welchem Preis? Fest steht, dass durch das Versprechen Draghis, uneingeschränkt Staatsanleihen schwächelnder europäischer Volkswirtschaften aufzukaufen, jährlich zweistellige Milliardenbeträge investiert werden. Als Folge der Sparpolitik liegt der Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank erstmalig bei null Prozent. Betrachte man die Ziele der EZB, so bedarf dies jedoch einer differenzierten Betrachtung: „Die EZB hat ihr eigenes Inflationsziel von zwei Prozent deutlich verfehlt und die europäische Wirtschaft befindet sich in einer tiefen Sinnkrise. Durch Draghis „Geldflut“ werden dringend notwendige Strukturreformen nur verzögert“, so Prof. May. Vergleiche man die 10-Jahres Renditen deutscher und griechischer Staatsanleihen, kehre man zum Zeitalter der hohen Zinsspreizung zurück, Vermögen werde vernichtet. „Ein weiteres Auseinanderdriften in Europa ist wirklich zu befürchten“, warnt May.

 

Für den Finanzexperten gibt es zwei Zukunftsszenarien, die in ihrer Wahrscheinlichkeit nur schwierig einzuschätzen seien. Zum einen könne man an der Niedrigzinspolitk festhalten, jedoch sei ein negativer Zins „krank“: „Die Menschen unterschätzen häufig, wie lange diese Krankheiten anhalten können.“ Ausgerechnet Draghis Landsmänner könnten seine Pläne abrupt durchkreuzen: „In Italien hat sich in den letzten Jahren eine immer eurokritischere Opposition stark machen können. Sollten diese Kräfte bei den kommenden Wahlen in die Regierung kommen und Italien tatsächlich aus der Währungsunion austreten, ist der Euro nicht mehr haltbar.“

 

Um seine Wertpapiere vor solch einem unsystematischen Risiko zu schützen, rät Professor May seine Fonds ausreichend zu diversifizieren. „Es reicht leider nicht immer, Recht zu haben. Viele aktiv gemananagte Fonds verpassen die Bullenphasen und verfehlen ihre eigenen Ertragserwartungen deutlich, obwohl die zugrunde liegenden Zukunftsprognosen alle zutreffend sind. Globale Diversifikation ist sicher ein Schlüssel, um möglichst viel von der „Marktprämie“ zu ernten“, so Prof. May abschließend. 

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Michael Dillmann
Landesgeschäftsführer
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