28. November 2012
"Die Volksparteien müssen umdenken"
Prof. Volker Kronenberg zu Gast beim Wirtschaftsrat Bonn/Rhein-Sieg
Sind die deutschen Volksparteien ein Auslaufmodell oder können sie ihren Zerfallsprozess stoppen? Mit Hinblick auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr diskutierten die Mitglieder der Sektion Bonn/Rhein-Sieg mit Prof. Volker Kronenberg, Akademischer Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn, über die Zukunft der Volksparteien.
v.l.n.r.: Prof. Dr. Volker Kronenberg; Eldach-Christian Herfeldt, Sprecher der Sektion Bonn/Rhein-Sieg (Foto: Wirtschaftsrat)

Mittlerweile im fluiden Fünfparteiensystem angekommen, scheinen die Zeiten, in denen Stabilität und Kontinuität das deutsche Parteiensystem charakterisierten, endgültig vorbei. Die Nicht-Kalkulierbarkeit politischer Mehrheiten werde eher zur Regel denn zur Ausnahme, konstatierte der Bonner Politikwissenschaftler Prof. Dr. Volker Kronenberg. Vielparteien-Parlamente könnten zwar noch zu Zweier-Bündnissen führen, dies aber weniger verlässlich als in der Vergangenheit.

 

Die Bedingungen für diesen Wandel seien vielfältiger Natur und lägen unter anderem an der Auflösung klassischer gesellschaftlicher Milieus, einem Bedeutungsgewinn postmaterialistischer Werthaltungen sowie einer Krise des Wohlfahrts- und Sozialstaats, sagte Kronberg weiter. Bildungsexpansion und Medienwandel sowie die Zäsur der Deutschen Einheit führten zu einer weiteren Veränderung der Sozialstruktur bzw. des Wertegefüges in der deutschen Wählerschaft.

 

Dieser Wandel mache sich besonders bei den beiden alten Volksparteien CDU und SPD im Rahmen sinkender Mitgliederzahlen und schlechterer Wahlergebnisse sowie einem allgemeinen Rückgang der Wahlbeteiligung bemerkbar, so der Politikwissenschaftler. So verloren CDU und SPD im Zeitraum 1990 bis 2011 38 bzw. 48 Prozent ihrer Mitglieder. Zudem wiesen sie eine Überalterung der Mitgliederstruktur auf. Dennoch zeuge es nicht von politischer Weitsicht, die Akten des Kapitels Volksparteien schließen zu wollen, betonte Prof. Kronenberg. Vielmehr würden sie eine „Zeit der Krise“ durchleben, welche die Volksparteien dazu veranlassen müsse, wollten sie ihrem Niedergang entgegentreten, umzudenken. Sie müssten es schaffen, den Spagat zu vollbringen, auf der einen Seite jung und dynamisch zu wirken, um Jungwähler anzusprechen, aber auch das Sicherheits- und Ruhebedürfnis der Älteren zu befriedigen, um ihre Stammwähler zu halten. Als wichtige Themen der Zukunft führte Prof. Dr. Kronenberg die Familienpolitik, Energie/Umwelt, Werte/Identitätsfrage, Demographie/Integration und die Europapolitik an.

 

Die Herausforderungen für das Wahljahr 2013 lägen für die Volksparteien darin, überzeugende Leitideen, Ziele und Motive für das große Ganze zu entwickeln, sich für das Gemeinwohl und nicht für partikularistische Interessen einzusetzen und dabei gleichzeitig die Bürger stärker zu beteiligen und mitzunehmen, resümierte Prof. Kronenberg abschließend. So könne 2013 das Jahr der Volksparteien werden.