17. April 2013
Prof. Wolfgang Ischinger und die fünf Thesen zur europäischen und globalen Sicherheitslage
Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz zu Gast bei Reinhold W. Schlegel, Mitglied des Wirtschaftsrats in Balingen
Prof. Wolfgang Ischinger (Foto: Wirtschaftsrat)

Selten war ein Vortrag spannender und die Aha-Effekte größer als beim Vortrag über die Sicherheitslage innerhalb Europas und auf der ganzen Welt. Der Einladung von Reinhold W. Schlegel, Mitglied der Sektion Balingen/Sigmaringen des Wirtschaftsrats Deutschland, folgte Prof. Ischinger gerne und sprach vor vollem Haus über seine fünf Thesen zur Sicherheitslage:

1. Wir (vor allem die Deutschen) sind zu verliebt in den Status Quo.

2. Wir befinden uns in einem fundamentalen Umbruch der gesamten Welt und müssen dies so früh wie möglich erkennen, annehmen und reagieren.

3. Die internationale/globale Ordnung muss neu definiert werden.

4. Früher hatte die Welt Angst vor den großen, starken Staaten. Heute sind es die Schwächen der kleinen Staaten die uns sorgen sollten.

5. Bei allem Ärger über die Euro- und Schuldenkrise in Europa, gibt es keine Alternative zum Euroraum und zum europäischen Integrationsgedanken.

Prof. Wolfgang Ischinger und Reinhold W. Schlegel (Foto: Wirtschaftsrat)

Prof. Ischinger betonte deutlich, dass Veränderung nicht zwangsläufig etwas Negatives sein müsse. „Die Deutschen sind seit 1990 auf ihrem jetzigen Status Quo. Um uns herum verändert sich die Welt in dramatischer, rasanter Art und Weise!“, mahnte er. „Wir müssen aufhören, uns vom Wandel treiben zu lassen, sondern den Wandel selbst voran treiben“.

Wandel müsse keine Bedrohung sein, beruhigt der ehemalige Botschafter. „Die neu entstehende Mittelschicht in Asien erzeugt Wachstum in ungeahntem Ausmaß, das wir vor allem wirtschaftlich nutzen könnten“.'

In naher Zukunft werden die Europäer nur noch fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen (davon Deutschland: ein Prozent). Eine verschwindend geringe Quote verglichen mit Asien oder Russland. Ohne die EU wären die einzelnen europäischen Staaten nicht mehr in der Lage, ihre eigenen sicherheitspolitischen Interessen zu wahren, erläuterte Ischinger und sprach von der möglichen Idee einer ‚europäischen Armee’ statt vieler kleiner, unrentabler Streitkräfte. Gerade als drittgrößter Rüstungsexporteur der Welt nach USA und Russland sollten wir uns mit dieser Thematik auseinander setzen, appellierte Ischinger.

„Die Welt um uns herum ist nicht friedlich. Und die Krisenherde und Gefahrenquellen sind auch nicht am anderen Ende der Welt, sondern teilweise in unserer nächsten Nachbarschaft.“ Als Beispiel hierfür führte Prof. Ischinger die Krise in Mali an und betonte, dass Mali nahe der Mittelmeerküste und damit nahe an Europa wäre.

Wir können uns auch nicht mehr darauf verlassen, dass der „große Bruder“ USA kommt und uns in Kriegssituationen unterstützt, stellte Ischinger heraus. Die Rolle der USA habe sich seit der Libyen-Krise verändert, denn die bisherige Verhaltensweise können sich die Amerikaner schlicht nicht mehr leisten. Die Gefahr von großen Kriegen mit Armeen sei zwar gesunken, bürgerkriegartige Konflikte allerdings nähmen drastisch zu. Auch aus diesem Blickwinkel wäre es dringend und sinnvoll, über eine gesamteuropäische Armee nachzudenken.

Die im Anschluss an seinen Vortrag rege Diskussion machte allen anwesenden Mitgliedern und Gästen des Wirtschaftsrats deutlich, wie emotional das Thema „Sicherheit“ ist und wie intensiv wir uns damit zeitnah beschäftigen sollten.