18. März 2017
Sündenbock Manager
Börsen-Zeitung

In einem Namensbeitrag positioniert Michael Mertin, Vizepräsident des Wirtschaftsrates, zum Thema Managergehälter.

 

Sündenbock Manager

 

Die Kampagne gegen Managergehälter ist erschreckend. Diskutiert werden muss über gute Unternehmensführung und Zukunftsthemen. VON MICHAEL MERTIN

 

Die deutsche Wirtschaft sprintet von Erfolg zu Erfolg: 2016 wieder Exportweltmeister, konstantes Wirtschaftswachstum seit sieben Jahren, Arbeitslosenzahl halbiert in zwölf Jahren,
Beschäftigungsrekord mit rund 44 Millionen Arbeitsplätzen, Überschuss im Staatshaushalt und sprudelnde Steuereinnahmen. Gleichzeitig legten die Löhne in der Industrie — in einer langen Phase niedrigster Inflation — überproportional zu. Das ist nur die Positivbilanz auf der yolkswirtschaftlichen Metaebene. Sie belegt, dass die Soziale Marktwirtschaft als Erfolgsmodell funktioniert. Deutliche Wertsteigerung.

 

Unser Marktmodell basiert auf Eigentum, Vertragsfreiheit und Wettbewerb, auf Angebot und Nachfrage, auf Unternehmen, die in diesem Ordnungsrahmen agieren. Das können sie offensichtlich besonders gut, sonst hätte sich das Gros der deutschen Aktiengesellschaften nicht so positiv entwickelt: Alle relevanten Indizes von Dax bis TecDax legten in den vergangenen fünf Jahren bis zu 150% zu, immer höhere Dividenden wurden ausgeschüttet und die Eigenkapitalausstattung verbessert: gut für die Eigentümer und nicht zuletzt die Beschäftigten, die zusätzlich zu kräftigen Lohnsteigerungen in vielen Unternehmen von erheblichen Sonderzahlungen profitierten. Warum zähle ich das alles auf? In der

aktuellen Debatte über Managergehälter fühle ich mich wie in einer Parallelwelt. Wie kann angesichts dieser Gesamtbilanz eine solche Kampagne gegen die Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft geführt werden, die derartige Unternehmenswertsteigerungen und Gewinne für ihre Eigentümer erwirtschaften? Das ist erschreckend.

 

Die von der SPD geforderte Gehaltsgrenze von 500 000 Euro für den Betriebskostenabzug würde Unternehmen weit über den Dax 30 hinaus betreffen. Und was ist eigentlich mit all den anderen Berufsgruppen und Leistungsträgern mit einem Einkommen über diesem Betrag? Das sind sicher mehr als es Vorstände von Unternehmen gibt.


Allein schon der Auslöser der Debatte um Managergehälter rund um den VW-Skandal und die daraus folgenden Verwerfungen bis hin zum Ausscheiden von Christine Hohmann-Dennhardt mit Millionen-Abfindung liegt fern der Realität in anderen Aktiengesellschaften. Entschieden
haben hier aber die Vertreter der Anteilseigner und der Arbeitnehmer — sowohl über Gehaltshöhe als auch über Abfindung, hinterlegt in gültigen Verträgen.


Auch über alle Vorfälle bei VW, mögliche Schadenersatzansprüche oder gar strafrechtliche Folgen entscheiden in unserem Rechtsstaat Gerichte. Die Haftungsproblematik für Vorstände wird in öffentlichen Debatten ausgeblendet. Es ist mitnichten so, wie oft unterstellt, dass man
als Vorstand nicht auch ins Privatvermögen hinein zur Rechenschaft gezogen werden kann.

 

Vorstandsverträge werden zumeist über drei bis fünf Jahre abgeschlossen. Sie beinhalten Erfolgsanteile und Versorgungsleistungen, für die es Vorbilder im In und Ausland gibt. Diesen ausgehandelten Verträgen stimmen die Personal oder Präsidialausschüsse der Aufsichtsräte
zu, in denen neben dem Vorsitzenden zumeist auch der Stellvertreter von Arbeitnehmerseite  sitzt, bevor der Gesamtaufsichtsrat die Personalie inklusive Vertragsbestandteilen bestätigt. Gegenstimmen der Beschäftigtenvertreter scheinen selten zu sein.


Über die Höhe der Vorstandsbezüge der Aktiengesellschaften lässt sich zweifelsohne streiten. Allerdings wird bei vielen Diskussionen außer Acht gelassen, dass die Grundgehälter relativ langsam gestiegen sind. Die Incentivierung durch Bonusvereinbarungen stieg dagegen —
mit der Entwicklung der Weltbörsen — deutlich. Nach Fehlentwicklungen besonders im  Finanzsektor sind sie heute weitgehend und nach Empfehlung der Deutschen Corporate Governance Kommission stärker am nach haltigen Erfolg ausgerichtet: Der angestellte Vorstand soll sich wie ein Eigentümerunternehmer fühlen und entsprechend verhalten — zum Wohle der Eigentümer, Kunden und Belegschaft.


Als Mitglied der Deutschen Corporate Governance Kommission, der auch Vertreter der Gewerkschaften angehören, warne ich aber vor immer weiteren Vergütungsdebatten und Steigerung der Komplexität von Vergütungssystemen. Vielmehr ist eine grundsätzliche Diskussion über gute Corporate Governance, also die Prinzipien der Unternehmensführung weit über die Grenzen der Dax-30-Unternehmen bzw. von Aktiengesellschaften angebracht. Innerhalb und außerhalb von Unternehmen sollte mehr Wert auf Zukunftsthemen liegen: Wie gehen wir mit Digitalisierung, wie mit Globalisierung um? Wie halten wir es mit zunehmender Regulierung? Was sind zeitgemäße Steuer und Arbeitszeitsysteme? Diese Fragen sollten als integrierter Bestandteil guter Corporate Governance in den Unternehmen aber auch öffentlich für alle Unternehmen diskutiert werden unter Einbeziehung der Aufsichtsräte, der Kapitalseite
von Unternehmen, aber auch der Entscheidungsträger in der Politik.


Fehlbare Politik
Die Politik selbst muss sich fragen, ob sie nicht mit zweierlei Maß misst. Rechnungshofberichte und Schwarzbücher des Steuerzahlerbundes füllen Regale.  Fehlplanungen wie beim Berliner Großflughafen und horrende Kostensteigerungen wie bei der Elbphilharmonie sind nur die Spitze des Eisbergs.

 

Die größten Fehler in der Subprime-Krise wurden im Übrigen von öffentlichen Finanzinstituten mit halben Landeskabinetten in den Aufsichtsgremien begangen. Good Governance wird gern für die Wirtschaft gefordert. Politische Konsequenzen oder gar Rücktritte nach Fehlplanungen in der Politik? Leider oft Fehlanzeige.


Dr. Michael Mertin ist Vizepräsident des Wirtschaftsrates der CDU e.V.,
Vorstandsvorsitzender der Jenoptik AG und
Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex

Kontakt
Wirtschaftsrat der CDU e.V.
Pressestelle
Luisenstraße 44, 10117 Berlin

Telefon: 030 / 240 87-301
Telefax: 030 / 240 87-305

pressestelle@wirtschaftsrat.de