01. Juli 2020
Volkswirtschaftlicher Ausblick mit Dr. Michael Hüther
Eine Einschätzung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise und Beurteilung des Konjunkturpakets der Bundesregierung vom Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln
Professor Dr. Michael Hüther teilte im digitalen Austausch mit den Mitgliedern des Wirtschaftsrates Baden-Württemberg, seine Einschätzung über den richtigen Weg aus der Krise.
Im Gespräch mit den Unternehmerinnen und Unternehmern Baden-Württembergs gab IW-Direktor Prof. Hüther Grund für Optimismus (Bild:IW)

„Einen zweiten Lockdown wird es nicht geben“, ist sich der Wirtschaftsexperte und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande sicher. Dieser stelle einen massiven Eingriff in die Grundrechte dar und sei nur bei einer akuten Gefahrenabwehr, wie in diesem März tragbar. Hüther skizzierte drei verschiedene Phasen der Krise: Die Lockdown-, die Stabilisierungs- und die Erholungsphase. Mit dem Konjunkturpaket sei ein wichtiger Schritt für die zweite Phase getan worden. Hüther äußerte sich vorwiegend optimistisch über das Konjunkturpaket, er sei mit der Gesamtsumme und dem Zeitpunkt der Hilfe zufrieden. Wichtig für die zukünftige Wirksamkeit seien die Zielgenauigkeit der Maßnahmen und eine Befristung der Hilfen. Das Paket solle zu einem Dynamikwechsel verhelfen und Anstöße setzten, dürfe aber in keinem Fall eine dauerhafte Lösung werden. „Das Ziel muss eine schnelle Rückkehr zur Selbstständigkeit des Marktes sein.“ Kritik an der Regierung übte er wegen der Entscheidung gegen eine Kaufprämie für alle Autos aus. Im Jahr 2009, habe sich diese Maßnahme als sehr erfolgreich erwiesen. Außerdem seien viele neue Autos, die den höchsten Qualitäts- und Klimastandards entsprechen, bereits produziert und stünden jetzt ungebraucht herum.

Die Stimmung an den Finanzmärkten sei weiterhin gut, auch bedingt durch die aktuelle Wirtschaftspolitik (Bild: Hüther)

Europa war ein weiteres zentrales Thema des Gesprächs. Der Experte betonte wie wichtig eine funktionierende Europäische Union für die deutsche Wirtschaft sei. Zum einen für den Export, zum anderen, häufig unterschätzt, für die Vorleistungsimporte. Hüther bedauerte, dass die Europäische Union während der Krise kein gemeinsames System für die Grenzschließungen verfolgt hat. Eine gemeinsame Koordinierung wäre die richtige Vorgehensweise gewesen. Positiv bewertete er das EU-Hilfspaket, auch wenn dieses eher ein Wachstumsprogramm als ein Konjunkturpaket sei, und die Auszahlungen erst gegen 2023 kommen werden. Die Botschaft der gemeinsamen europäischen Lösung sei entscheiden

Thematisiert wurde unter anderem die Situation an den Finanzmärkten. Hingegen der öffentlichen Wahrnehmung sei die Haltung dort teils sehr optimistisch. Erstens, weil an die Wirksamkeit der Wirtschaftspolitik geglaubt werde. Zweitens, weil die meisten Unternehmen von einem Zeitraum von zwei Jahren der Folgen der Krise ausgehen würden.

Laut den Prognosen soll das BIP bereits 2021 wieder auf Vorkrisenniveau liegen (Bild: Hüther)

Auf die Frage nach einem Risiko einer Inflation, gab der Wirtschaftswissenschaftler Entwarnung. Die Vermögenspreise würden sich im normalen Rahmen bewegen und es gebe eine hohe Preisstabilität durch den internationalen Wettbewerb.

Abschließend ging es um Prognosen über die Arbeitslosenzahlen und über eine mögliche lokale Rückverlagerung der Produktionen. Hüther rechnet zwar mit der Überschreitung der 3 Millionen Arbeitslosen Marke, geht aber davon aus, dass sich diese Zahl in den Folgejahren stabilisieren und auch die Zahl der Kurzarbeiter schnell zurückgehen werde.

Die Corona Krise habe vielen Unternehmen gezeigt, dass Lieferketten häufig einseitig ausgelegt waren. Die Risiko Einschätzung in diesem Bereich sei geschärft und eine verstärkte lokale Orientierung naheliegend. Letzteres könnte durch den 3D-Druck unterstützt werden. Dank dieser Technologie würden die Arbeitskosten geringer werden als die Transportkosten, was eine Rückverlagerung der Produktionen nach Deutschland begünstige.