06. September 2016
Was alte Hasen und Jungunternehmer voneinander lernen können
Wirtschaftsrat startet neues Veranstaltungsformat „Hamburg Newconomy“ auf dem Hamburger Campus der Business School Berlin
Als traditionsreiche Hansestadt ist Hamburg seit jeher von Unternehmergeist und Kaufmannsdenken geprägt. So verwundert es nicht, dass Hamburg die Hauptstadt der Familienunternehmen in Deutschland ist. Nirgendwo sind mehr Top-Familienunternehmen beheimatet als hier, wie eine aktuelle Studie von EY und Matchbird belegt. Viele dieser Unternehmen prägen ihre Branche seit Jahrzehnten erfolgreich. Und doch bekommen sie ernstzunehmende Konkurrenz: Vor allem im Zuge der Digitalisierung drängen junge Unternehmen mit neuen und innovativen Geschäftsideen auf den Markt und stellen klassische Geschäftsmodelle in Frage.
Im Vordergrund: Benjamin Schröter, Gründer und CEO des Hamburger Technologieunternehmens Facelift brand building technologies GmbH (Foto: Wirtschaftsrat)

Beide Seiten, sowohl die Familienunternehmen als auch Jungunternehmer, können viel voneinander lernen. Gerade für junge Firmengründer kann es enorm wertvoll sein, einige Tipps von einem „alten Hasen“ zu bekommen. Umgekehrt gewinnen erfahrene Unternehmer Einblick in neue Denkweisen. Der Wirtschaftsrat möchte diesen Dialog aktiv fördern und hat dafür sein neues Veranstaltungsformat „Hamburg Newconomy“ ins Leben gerufen. Zur Premiere am 6. September diskutierten in den Räumlichkeiten der BSP Business School Berlin (Campus Hamburg) Eva-Maria Bauch, Geschäftsführerin von G+J Digital Products, und Benjamin Schröter, Gründer und CEO des Hamburger Technologieunternehmens Facelift. Die Moderation des Abends übernahm Katharina Wolff, Geschäftsführerin der premium consultants - Wolff GmbH und Mitglied im Landesvorstand des Wirtschaftsrates.

 

Der Gastgeber der BSP Business School Berlin, Rektor Prof. Dr. Thomas Thiessen, freute sich über die zahlreichen Gäste des Wirtschaftsrates und gab eine kurze Einführung in seine Hochschule. Diese engagiert sich für die Digitalisierung von mittelständischen Unternehmen im Rahmen der sogenannten „Mittelstand 4.0 Agentur“. Ziel ist es, praxisnahes Digitalisierungswissen in die Firmen zu tragen.

 

1965 gegründet, ist G+J der klassischen Old Economy zuzuordnen. Bekannt ist der Verlag vor allem für seine Printmedien, wie den „Stern“, „Brigitte“, „Gala“ und „Schöner Wohnen“. Wie Eva-Maria Bauch erläuterte hat das Unternehmen den Prozess zur digitalen Transformation erst relativ spät nach einem Wechsel in der Geschäftsführung angestoßen. Es wurde ein Digitalbereich gegründet. Dabei habe sich G+J  für einen integrativen Weg entschieden, d.h. die Digital Products Abteilung wurde in die Matrix-Struktur eingegliedert.

 

Diese Entscheidung bringe viele Herausforderungen mit sich, so die Geschäftsführerin. Häufig werde intern diskutiert, was Journalismus ausmache und wie die zukünftige Ausrichtung aussehen könne. Die Meinungen der angestammten Print-Journalisten und Online-Redakteure würden nicht selten auseinandergehen. Verwunderlich sei das nicht, da es sowohl in der Arbeitsweise als auch bei Bewertungskriterien, etwa hinsichtlich Textlänge oder Suchmaschinenoptimierung, zahlreiche Unterschiede gebe.

 

Insgesamt könne von einem sich vollziehenden Kulturwandel gesprochen werden, der sich u.a. auch in der Frage nach der korrekten Anredeform „Du oder Sie“ äußere. Während die Brigitte-Redaktion noch auf die förmliche Anrede ihrer Leser setze, habe der Online-Bereich sich für die informelle Ansprache entschieden. Weiteren Handlungsbedarf sieht Eva-Maria Bauch darin, Lücken zwischen den verschiedenen Abteilungen bzw. Redaktionen zu schließen, was etwa die Taktung von Veröffentlichungen angeht.

 

Facelift ist ein junges, 2011 gegründetes Unternehmen, das mittlerweile auf 200 Mitarbeiter angewachsen ist. Die Firma entwickelt All-in-One-Softwarelösungen für Social Media Marketing und lizenziert diese an seine Kunden. Ein an sich „ganz klassisches Geschäftsmodell“, wie der CEO Benjamin Schröter betonte. Dadurch, dass es im Bereich Social Media angesiedelt sei, werde es von vielen aber als exotisch wahrgenommen.

 

Die Voraussetzungen zur Unternehmensgründung in Hamburg beurteilt er kritisch. Zum einen seien Investoren häufig zu risikoscheu, zum anderen engagiere sich die Politik nicht genug. Seit der Gründung von Facelift habe sich noch kein Hamburger Politiker bezüglich eines Unternehmensbesuchs gemeldet. Außerdem bemängelte er das Fehlen von flexiblen Mieträumen, die sowohl den „kleinen Start“ als auch das „schnelle Wachstum“ erlauben, und das Funktionsprinzip der Hamburger Bürgengemeinschaft. Schröter sieht also großen Nachholbedarf, um günstige Rahmenbedingungen für Gründer zu schaffen. Dass er selbst trotzdem in der Hansestadt gründete, habe vor allem mit der Verwurzelung zu tun.

 

Geholfen habe ihm bei der Unternehmensgründung die Tatsache, dass er sowohl die Old Economy als auch die New Economy kannte. Bezeichnend für Firmen der Old Economy sei, dass sie ihr Geschäft häufig nur zögerlich und in kleinen Schritten umstellten. Dafür nannte Schröter zwei Gründe. Erstens gebe es bei vielen eine mentale Blockade, sobald es um die Themen Modernisierung und Digitalisierung ginge. Zweitens sei das „ständige Rütteln an Geschäftsmodellen“ anstrengend. Dabei sei genau dieses Überdenken und Hinterfragen der Schlüssel, um sich langfristig auf dem Markt zu behaupten.

 

In der anschließenden, sehr lebhaften Diskussion mit dem Publikum wurde darauf verwiesen, dass Anpassungsfähigkeit auch mit der Unternehmensgröße zusammenhängt. So sei es deutlich schwerer den Kurs eines großen Tankers, wie G+J mit mehr als 10.000 Mitarbeitern zu ändern, als den Kurs eines Speedboots, wie Facelift mit nur ungefähr einem fünfzigstel der Belegschaft. Trotzdem bestand Einigkeit, dass es in der Summe notwendig sei, sich zu transformieren und dem Markt anzupassen. Für Benjamin Schröter gehört dazu auch, interne Abläufe zu optimieren. So habe er „sehr früh in ein zentrales Datensystem investiert“. Facelift sei sehr „nah an der Idee eines papierlosen Büros“.

 

Bei einem Konzern wie G+J sind die Voraussetzungen selbstverständlich andere. Wie Eva-Maria Bauch erklärte, konzentriere man sich verstärkt auch auf andere Marksegmente und setze auf neue Partner. Der „SCHÖNER WOHNEN Onlineshop“ sei beispielsweise das Ergebnis einer solchen Zusammenarbeit. Es seien bereits viele Investitionen in sogenannte In-House-Startups geflossen, welche entscheidend zur Digitalisierung des Unternehmens beitragen. G + J wolle noch innovativer und effizienter werden, aber bereits jetzt sei „kein Stein mehr auf dem anderen“. Zum Beispiel können sich Mitarbeiter bis zu drei Monate freistellen lassen, um eine Innovation zu entwickeln. Allerdings dauere es den Kurs des G+J Tankers zu ändern. Insgesamt seien sie aber auf einem guten Weg.

 

So verschieden die beiden Firmen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Anforderungen an den Standort Hamburg: Während Benjamin Schröter erkennt, dass beim Sammeln von Fördergeldern „im Kleinen (zu) viel Sand im Getriebe“ ist, liegt das Augenmerk von Eva-Maria Bauch auf den Human Ressources und der Nachwuchsgewinnung. Sie forderte, dass größerer Wert auf eine angemessene IT-Ausbildung gelegt werde.

 

Abschließend betonte der Landesvorsitzende des Wirtschaftsrates Hamburg, Gunnar Uldall, dass der Verband darauf Wert lege, „die Verbindung zwischen den einzelnen Unternehmen, Neugründern, Financiers und Ideengebern“ herzustellen.  Allerdings könne der Wirtschaftsrat nur den Anstoß geben – die Initiative müsse von den zusammengebrachten Unternehmern ausgehen.

 

Im Weiteren wurde genau dieses Konzept gelebt. Auf Einladung des Gastgebers, der BSP-Business School Berlin, diskutierten die Mitglieder und Gäste beim anschließenden Get-Together mit Speis´und Trank angeregt weiter. Viele Visitenkarten wanderten hin und her.

Kontakt
Christian Ströder
Referent für Wirtschaftspolitik
Wirtschaftsrat der CDU e.V. Landesverband Hamburg
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