17. November 2011
Königstein
Wege aus der Euro-Krise
„Die Eurokrise bedeutet auch eine Chance für Europa“, das sagte Dr. Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank, anlässlich einer Vortragsveranstaltung der Sektion Taunus in der Villa Rothschild in Königstein.
Informatives Dinner in der Villa Rothschild-Kempinski. Sektionssprecher Prof. Walter Gora freute sich, zahlreiche Gäste begrüßen zu können. (Foto: Wirtschaftsrat)

Vor einem Jahr haben wir ein „goldenes Jahrzehnt“ für Deutschland ausgerufen. Schmieding bleibt dabei: Deutschland könne im laufenden Jahrzehnt die Früchte seiner Reformen der Jahre nach 2003 ernten. Mehr Wirtschaftswachstum pro Kopf, eine höhere Zahl von Beschäftigten, geringere Staatsdefizite und mehr Spaß für die privaten Verbraucher als in den zwei Jahrzehnten zuvor. Diese Aussage gelte für den Trend, also den Durchschnitt des Jahrzehnts, das 2010 begonnen hat.


Der durch die Eurokrise hervorgerufene Vertrauensschock in der westlichen Welt, versetze jetzt der deutschen Konjunktur einen schweren Schlag. Wenn dieser Schock nachlässt, wird sich die Wirtschaft in Deutschland dank ihrer inneren Stärke vergleichsweise schnell und kräftig erholen, zeigte sich Schiding überzeugt.

 

Grund für die Eurokrise sei vor allem eine ungenügende Panikvorsorge durch eine rechtzeitige Umschuldung Griechenlands, so Schmieding. Seiner Meinung nach, war die Europäische Zentralbank bisher viel zögerlicher beim Erwerb von Staatsanleihen kriselnder EU-Staaten als die amerikanische Notenbank Fed oder die Bank of England. Bis Juli 2011 wäre das voll gerechtfertigt gewesen, denn bis dahin war die Schuldenkrise unter Kontrolle und die Eurozonen-Wirtschaft expandierte vorzüglich. Jetzt allerdings sei es an der Zeit ein markantes Signal zu setzen, um eine Marktpanik zu vermeiden. Dies würde laut Berenberg Bank gelingen, wenn die Europäische Zentralbank im Notfall nicht ausreichend solventen Staaten in einer Liquiditätskrise beistehe – gegen harte Reformauflagen.

 

Allerdings offenbart diese Krise auch große Chancen für Europa. „Wer ändert schon in guten Zeiten seine schlechten Gewohnheiten?“, fragte Schmieding. Die Randländer Europas müssten sparen und ihre Wirtschaftskraft durch harte Strukturreformen stärken. Die Eurozone erlebe eine Welle von Reformen. Länder wie Italien, Portugal und Griechenland holten jetzt in etwa das nach, was Deutschland rund um die Agenda 2010, bereits geleistet hat. In Deutschland habe es zwei Jahre gedauert bis die ersten Erfolge der Reformen von 2004 sichtbar wurden. Diese Zeit müsse man jetzt auch den ins straucheln geratenen Staaten gewähren, sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Bis dahin müssten die starken Länder ihre schwächeren Partner durch bedingte Kredite stützen. Ansonsten könne es in Europa zu Turbulenzen kommen, die auch in Deutschland eine tiefe Rezession auslösen könne.

 

Ein Erfolg sei bereits sichtbar: Die Exportwirtschaft der Randländer steige rasch. Ebenso wie Deutschland in den Jahren ab 2004 könnten die krisengeschüttelten Ländern es schaffen, sich innerhalb der Währungsunion zu reformieren. Dem flexiblen Irland falle dies relativ leicht, dem strukturell besonders verkrusteten Griechenland besonders schwer, betonte Schmieding.

 

Europa brauche harte Obergrenzen für Haushaltsdefizite sowie eine Möglichkeit, ab 2013 notfalls insolvente Staaten geordnet abzuwickeln, sagte der Chefvolkswirt. Das neue Euro-Paket mit einem dauerhaften Stabilisierungsfonds ESM enthalte genau diese Bestandteile.