17. März 2014
"Wir brauchen künstliche Organe"
Prof. Dr. Ing. Jörg Vienken referiert vor der LFK Gesundheit
„Brauchen wir künstliche Organe?“ Prof. Dr. Ing. Jörg Vienken - ein führender Experte unter deutschen Biomedizinern – stand vor der Landesfachkommission Gesundheit des Wirtschaftsrats Hessen zu dieser Frage Rede und Antwort. Er appellierte an die Zuhörer, den ökonomischen Faktor von Forschung gegenüber dem von Krankheit ganz bewusst abzuwägen.
v.l.n.r.: Prof. Dr. Ing. Jörg Vienken; Dieter Bögel (Foto: Wirtschaftsrat)

„50.000 Euro sind der anerkannte Gegenwert für ein weiteres Lebensjahr – und die voraussichtlichen Kosten für eine künstliche Leber“, so Vienken. Angesichts der drastisch steigenden Zahlen an Pflegebedürftigen sei in zehn bis zwanzig Jahren mit einem Bedarf an sechs bis acht Millionen Pflegern zu rechnen. „Der Wirtschaft muss eine Hilfe an die Hand gegeben werden, die aus der Technik kommt.“ 

 

Dabei ist die erste Transplantation überhaupt erst knapp fünfzig Jahre her. Seit dem 1. November 2012 gibt es in Deutschland das Organspende-Gesetz, doch nach medienträchtigen Skandalen um die Fälschung von Patientendaten sanken die Zahlen von 2011 auf 2013 um 20 Prozent. Deutschland bildet europaweit oft das Schlusslicht in den Statistiken. Als „Vertrauensproblem“ bezeichnet Vienken die Skepsis der Deutschen. „Dabei warten auch in Deutschland 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan.“ 

 

Bei der Erforschung künstlicher Organsynthese seien vor allem zwei Faktoren essentiell: Die Blutgerinnung und so genannte Formgedächtnis-Polymere. Das sind organische Strukturen, die sich unter bestimmten Bedingungen wie zum Beispiel Körpertemperatur automatisch rekonstruieren. Statt möglichst komplette Organe zu ersetzen, sollen technische Hilfsmittel wie Prothesen verstärkt zum Einsatz kommen, die nach Abschluss der Therapie bestenfalls wieder entfernt werden können. Insbesondere die Entwicklung moderner Dialysemaschinen sei von dringender Notwendigkeit: „Immer mehr Menschen erkranken an Fettleibigkeit. Fettleibige bekommen im Alter Diabetes und werden dann nierenkrank. Die Anzahl der Dialyse-Patienten weltweit steigt exponentiell“, so Vienken.

 

Modernste Technologien wie das „Tissue Engineering“, mit dem sich der der amerikanische Transplantationsforscher Joseph Vacanti beschäftigt, versprächen, so Vienken, bereits „in 10 bis 15 Jahren Erfolge“. 

 

„Wir brauchen künstliche Organe unbedingt, denn der Bedarf an Organspenden kann heute schon nicht gedeckt werden“, schlussfolgert Vienken. 

 

Im Anschluss an seinen Vortrag entstand eine rege Diskussion, in der unter anderem thematische Inhalte wie Medienbedeutung, Verantwortung, Rationierung und Prophylaxe zur Sprache kamen. Vienken appellierte nochmals an die Zuhörer: „Es geht nicht nur um eine lebensverlängernde Maßnahme. Was wir anstreben, ist eine Verbesserung der Lebensqualität.“