17. November 2014
Wirtschaftsspionage - die leise Bedrohung
Experten informierten beim Wirtschaftsrat über ein aggressives Übel
Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Im Zeitalter des Internets und der Globalisierung entwickelt sich die staatlich gelenkte oder unterstützte Wirtschaftsspionage zu einem immer aggressiver werdenden Übel, von dem praktisch jedes Unternehmen betroffen sein kann. Jährlicher Schaden, der in Deutschland entsteht: Rund 50 Milliarden Euro. Die Landesfachkommission „Mittelstand“ im hessischen Wirtschaftsrat lud jetzt zu einer Vortragsveranstaltung ein, die sich mit dem brisanten Thema beschäftigte.

Über eine Million Mitarbeiter vor allem der russischen und chinesischen Geheimdienste seien damit beschäftigt, etwa über diplomatische Missionen, Medienorgane, Wissenschaftler und Tarnunternehmen, ja, sogar über Studenten und Illegale die deutsche Wirtschaft auszuspionieren. „Alles wird erfasst – von Telefongesprächen bis zu Kreditkarten-Transaktionen“, sagte Thomas Klausnitzer vom Bundesamt für Verfassungsschutz (Köln). Informationen würden aus allgemein zugänglichen Quellen – besonders gefährlich sei das Internet – von „Innentätern“, durch elektronische Angriffe oder Auslandsreisen gewonnen. Ideenreichtum, Spitzentechnologien, schnelle Umsetzung marktfähiger Produkte oder Wissens- und Zeitvorsprung, das sind die Hauptgründe für die Aktivitäten. Vor allem die Automobil- und Elektroindustrie sowie der Finanzsektor stünden ganz oben auf der Liste der Spione. 


Kausnitzer nannte einige Beispiele, die bei den Gästen der Veranstaltung ungläubiges Kopfschütteln hervorriefen. Umso wichtiger die Tipps des BfV-Mannes. So sollte umgehend der Verfassungsschutz informiert werden, wenn eine Attacke bekannt würde. Außerdem müsse das Netz professionell geschützt sowie das Risiko- und Sicherheitsmanagement optimiert werden. Das BfV stünde jederzeit für Beratungen bereit. In diesem Zusammenhang beklagte Klausnitzer, dass nahezu keine Hinweise aus der Wirtschaft kämen; nicht zuletzt aus Angst vor Imageverlust. 


Auch Dipl.-Ing. Günter Holzhauser, Oberstleutnant  d.R. und Inhaber von Business & Security (Eschborn) sagte, „die Wirtschaftsspionage wird in Deutschland massiv unterschätzt. Die meisten Unternehmen haben wenig Kenntnis vom Bedrohungspotential. Keine Nation ist diesem Thema gegenüber so blauäugig wie unsere“. Dabei könne das Risiko nicht zuletzt durch Verhaltensänderung zumindest reduziert werden. 


Immens wichtig sei der Schutz von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen. Er stelle immer wieder fest, dass doch sehr viele Unternehmen damit sehr lasch umgingen, so Jörg-Alexander Paul, Partner bei Bird & Bird LLP (Frankfurt). Unter Betriebsgeheimnissen verstehe man u.a. Konstruktionszeichnungen, Rezepturen oder chemische Formeln. Unter die Rubrik Geschäftsgeheimnisse fielen z.B. Kundenlisten, Bezugsquellen, Marketingstrategien und Preiskalkulationen. Dem Schutz dieser elementaren Säulen eines Unternehmens sollte größte Beachtung letztlich auch durch juristische Absicherung (etwa in Mitarbeiterverträgen) geschenkt werden.