18. April 2012
Wohin steuern Europa und der Euro?
Bank-Experte vor dem Wirtschaftsrat: Wirtschaft braucht stabiles Europa
Ein klares Bekenntnis zum Euro – „die Wirtschaft braucht ein stabiles Europa mit einer glaubwürdigen Währung“ – und zum Mittelstand, das waren die positiven Signale zu einem derzeit in der veröffentlicheten Meinung kontrovers diskutierten Thema „Wohin steuert Europa?“. Welche Aufgaben Politik, Banken und Unternehmen haben, dieses Europa stabil zu halten bzw. zu machen, erläuterte Jochen H. Ihler, Bereichsvorstand Mittelstandsgeschäft Commerzbank AG, vor Mitgliedern und Gästen des Wirtschaftsrates in Frankfurt.

Jochen H. Ihler, Bereichsvorstand Mittelstandsgeschäft Commerzbank AG These: Die Staatsschuldenkrise, die die Politik in eine Finanzkrise umbenannt habe, „kann überwunden werden; der Euro mit all seinen Vorteilen für den exportorientierten Mittelstand bliebe dann erhalten“. Die Frage sei nun, wie das zu bewerkstelligen wäre. Neue Regierungen in den Euro-Krisenländern hätten zwar Maßnahmen gegen die Staatsschuldenkrise ergriffen und arbeiteten daran, Reformen umzusetzen; auch der "Sonderfall" Griechenland, wo private Gläubiger und auch Banken weltweit in einem Schuldenschnitt auf mehr als 100 Milliarden Euro verzichteten. Griechenland müsse aber eine Ausnahme bleiben, denn sonst „würde die Bereitschaft der Investoren abrupt sinken, Staatsanleihen anderer Euro-Länder zu kaufen.“ Die Zeit, die man sich mit dem neuen Rettungspaket der Euro-Staaten und des IWF gekauft habe, gelte es nun, zu nutzen.

 

Ihler sagte voraus, dass die Eingriffe der Europäischen Zentral-Bank EZB, die Märkte mit Liquidität zu versorgen, vermutlich nicht ausreichten, um die Krise nachhaltig zu bewältigen. In diesem Zusammenhang stellte er die Kernfrage: „Wie weit muss, wie weit darf die Solidarität in Europa gehen?“ Eine im Zusammenhang mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM unbegrenzte gemeinschaftliche Haftung auch etwa durch Eurobonds würde ohne harte Kontrolle falsche (Stabilitäts-)Anreize setzen. Die Krise sei auf diese Weise niemals in den Griff zu bekommen.

 

Der Commerzbank-Manager sprach sich für eine „Vertiefung der Europäischen Integration“ und damit vor allem für eine „politische Union“ aus. Dass die bisher fehlt, „war und ist bis heute der entscheidende Konstruktionsfehler der Währungsunion.“ Ihler plädierte „auf möglichst kurze Sicht“ für eine „Fiskalische Union“ und dann gegebenfalls für den Ausbau zu einer vollen „Politischen Union", was auch den Verzicht auf nationale Souveränität bedeute. Eine fiskalische Union bedeute vor allem eine schärfere Kontrolle der Haushaltsdisziplin aller Euro-Länder inklusive automatischer Sanktionen und letztlich Eingriffsmöglichkeiten in die nationalen Haushalte. Ihm sei klar, dass eine vertiefte politische Integration in Europa und der Verzicht auf Souveränität nicht leicht zu vermitteln und erst recht nicht zu beschließen sei. „Aber ohne glaubwürdige Bewältigung der Schuldenkrise - und erst recht ohne die gemeinsame Währung drohen Europas Nationalstaaten im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen zu geraten“, sagte Ihler.

 

Zum Thema „Zukunft der Banken“ sagte der Finanzexperte, die Banken hätten aus der Krise ihre Lehren gezogen und deutliche Korrekturen in ihrem Geschäftsgebaren veranlasst. „Vertrauenswürdige und stabile Banken gibt es auf Dauer nur in vitalen Volkswirtschaften mit vertrauenswürdigen Staatsfinanzen“. Erfolg werde auf Dauer nur haben, wer auf nachhaltig tragfähige Strategien baue. Ihler nannte in diesem Zusammenhang die Rückbesinnung auf die Kernfunktionen von Banken und Finanzmärkten, das heißt die Versorgung der Wirtschaft und der privaten Haushalte mit soliden Anlagemöglichkeiten und mit Kredit.

 

Ihler fügte hinzu, dass es in Deutschland derzeit keine Kreditklemme gäbe. So stünde seine Bank den Kunden nach wie vor mit Krediten zur Verfügung, allerdings seien die Kreditlinien derzeit nur zu 60 Prozent gezogen. Dies verdeutliche, dass es hier „noch viel Luft nach oben gibt“, sagte der Bereichsvorstand der Commerzbank AG.

 

Und wie sieht sie aus, die Bank der Zukunft, was muss sie tun? „Sie muss und wird erfolgreich sein in einem strikteren regulatorischen Umfeld, in einer Welt mit flacherem Wachstum und niedrigeren Renditen, aber auch größerer Stabilität.“

 

Am Beispiel seiner Bank erläuterte Ihler die Bandbreite, wie sich Banken in Zukunft positionieren müssten. Im Mittelpunkt stünden eine starke, diversifizierte Kundenbasis – über Privat- und Firmenkunden werde das Bankgeschäft wieder stärker an die Realwirtschaft gekoppelt; dabei spiele das zinsunabhängige Geschäft weiter eine wichtige Rolle. „An Rentabilität und Bedeutung verlieren für mich dagegen eindeutig das kundenunabhängige Investmentbanking, aber auch das Interbankengeschäft bzw. das Geschäft mit „“Schattenbanken“ wie etwa Hedgefonds.“

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