21. November 2017
Wolfgang Steiger: Abgeltungssteuer sollte dringend beibehalten werden!
Nach Willen aller Jamaika-Partner sollten Kapitalerträge künftig wieder dem individuellen Steuersatz unterfallen. Untermauert wurde dies durch das Scheinargument, Arbeit dürfe nicht höher besteuert werden als Einkünfte aus Kapitalvermögen.

Im Rahmen der nun gescheiterten Sondierungsverhandlungen wurde auch über die Abschaffung der 2009 eingeführten Kapitalertragsteuer, die aufgrund ihrer abgeltenden Wirkung auch als Abgeltungssteuer bezeichnet wird, diskutiert. Diese Abgabe entfällt auf Zinserträge, Dividenden und andere Kapitaleinkünfte und beträgt pauschal 25%. Nach Willen aller Jamaika-Partner sollten diese Erträge künftig wieder dem individuellen Steuersatz unterfallen. Untermauert wurde dies durch das Scheinargument, Arbeit dürfe nicht höher besteuert werden als Einkünfte aus Kapitalvermögen.

Dabei trifft es nicht zu, dass Arbeit höher besteuert wird als Kapitaleinkünfte. Selbst bei einem Einkommen zwischen 50.000 und 100.000 Euro beträgt der durchschnittliche Steuersatz lediglich 22%. Ferner handelt es sich bei dem stets mit der Kapitalertragsteuer verglichenen Steuersatz von 42% um den Grenzsteuersatz, dem der durchschnittliche Arbeitnehmer nicht unterliegt. Auch darf nicht vergessen werden, dass im Zuge der Einführung der Abgeltungssteuer diverse Vergünstigungen bei der Besteuerung von Kapitalerträgen, wie etwa die eingeschränkte Verlustverrechnung, der Abzug von Werbungskosten und die Spekulationsfristen entfallen sind. Dies führte sowohl zu einer breiteren Besteuerungsbasis als auch zu der Ausgestaltung der Abgeltungssteuer als „Bruttosteuer“, da etwaige mit den Einkünften in Verbindung stehende Kosten nicht berücksichtigt werden können.

 

Im Hinblick auf Gewinnausschüttungen von Unternehmen ist zudem zu beachten, dass die Gewinne bereits auf Unternehmensebene besteuert wurden. Ihre erneute Besteuerung mit der Abgeltungssteuer in Höhe von 25 Prozent zzgl. des Soli erhöht die Dividendenbesteuerung insgesamt auf stolze 48 Prozent. Damit nimmt Deutschland beklagenswerter Weise bereits jetzt im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz bei der Besteuerung von Kapitalerträgen ein. Eine weitere Erhöhung dieser Belastung mindert die Attraktivität von Investitionen in Unternehmen im Generellen und führt im Speziellen dazu, dass das in Deutschland vorherrschende geringe Interesse der breiten Bevölkerung an Aktien weiter sinkt.

 

Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass die Abführung der Abgeltungssteuer direkt durch die Banken reibungslos funktioniert und einer der größten Steuervereinfachungserfolge der letzten Jahrzehnte ist. Dies jetzt rückgängig zu machen wäre ein massiver Rückschritt in Sachen Bürokratie und eine unnötige Mehrbelastung der Steuerpflichtigen, die Einkünfte aus Kapitalvermögen zukünftig wieder im Rahmen ihrer Steuererklärung aufführen müssten. Auch wurde durch Untersuchungen belegt, dass eine Abkehr von der Abgeltungssteuer nicht zu höheren Steuereinnahmen durch den Fiskus führen würde.

 

Der Wirtschaftsrat fordert daher ein Ende der populistischen und unsachlichen Diskussion um die Abschaffung der Abgeltungssteuer. Wann immer neue Koalitionsverhandlungen – möglicherweise erst nach Neuwahlen – anstehen, die Abgeltungssteuer hat erheblich zur Bürokratieentlastung beigetragen und sollte daher beibehalten werden.